SVEN WOHL

2015 wird ein interessantes Jahr, ganz unabhängig davon, wie das Referendum ausgeht. Denn der Ausgang an sich ist nicht das einzig Bestimmende hier, sondern auch die politische Debatte rund um die Kernfragen, die langsam aber sicher anläuft. Nun, auf den sozialen Medien läuft sie unlängst auf Hochtouren und das ist, zumindest für mich, das spannendere Element an diesem politischen Groß-Event.

Nicht nur erhalten wir hier Einblicke in die Tiefen der Debattenkultur in Luxemburg, sondern es wird sich auch auf der lokalen Ebene zeigen, wie Facebook, Twitter und Konsorten einen Diskurs formen können. Ein Faktor hat dabei in der internationalen Fachpresse die vergangenen Jahre über immer mehr Gewicht zugesprochen bekommen: Der Algorithmus. Für all jene, die nicht so technikaffin sind: Bei Facebook läuft im Hintergrund eine Formel, die bestimmt, was man in der eigenen Timeline sieht. Es sei denn, man schaltet auf „Most recent“ um, was leider nur die wenigsten tun.

Wie genau der Algorithmus funktioniert, weiß eigentlich keiner so genau. Doch es gibt einige sehr gute Einschätzungen: Was geliked wird, kommt nach oben. Auch mehr Kommentare sorgen für eine bessere Positionierung. Da das System sich merkt, welche Inhalte man von welchen Seiten liked, wird man automatisch mit ähnlichen Inhalten in Zukunft versorgt. Man will ja, dass man sich auf dem Netzwerk wohl fühlt. Über lange eingeloggte Nutzer freut sich die Werbung.

Doch für Nachrichten, Kultur und den politischen Diskurs können die Folgen desaströs sein. Denn was hier gerne entstehen kann, ist ein Tunnelblick: Nachrichten werden verstärkt ausgeblendet, Diskussionen, die der eigenen Meinung möglichst nahe stehen und dementsprechend viel geliked werden, tauchen dafür verstärkt auf. Dies sieht man auch teils in der Gruppenbildung, die auf Facebook stattfindet, denn hier tummeln sich fast ausschließlich Gleichgesinnte, andere Stimmen oder Meinungen werden nicht gehört. Es ähnelt ein wenig einem Zeitungsleser, der aus dem breiten Angebot immer nur eine einzige Zeitung liest und sich deshalb auf eine politische Richtung eingeschossen hat.

Dies ist natürlich ein hervorragendes Rezept für eine Radikalisierung der politischen Diskurse. Wie so etwas aussehen kann, ist unter anderem in den USA zu beobachten, wo es keine Art von neutralem Boden mehr zu geben scheint. Das Paradoxon: Obwohl wir mehr Möglichkeiten als je zuvor haben, um uns auszutauschen, scheint dies im politischen Bereich immer weniger der Fall zu sein.

Die „traditionellen“ Medien sind dabei auch kein Allheilmittel, wie sie das so gerne behaupten. Denn dort werden Informationen auch entsprechend einer Ideologie gedreht, bis das dabei heraus kommt, was das jeweilige Medienhaus nun einmal haben möchte.

Der Blick über den Tellerrand und der kritische Umgang mit Informationen sind weiterhin wichtige Fähigkeiten für jeden Bürger. Jede Information gehört geprüft, ob sie auf Papier oder im Netz steht, über das Fernsehen oder das Radio verbreitet wird. Und am Ende ist klar: Abwägen muss die Argumente jeder für sich und dort das Kreuz anbringen, wo er oder sie es für richtig empfinden.