DÜDELINGEN
CLAUDE MÜLLER

Youn Sun Nah & Band bei „We Love Girls, Girrls, Grrrls...“

Es wird ein wunderbarer Abend“: Mit ihrer Ankündigung anlässlich des Abschlusskonzerts des an vier Abenden dem Jazz gewidmeten Festivals, hatte Impresario Danielle Igniti nicht zu viel versprochen. Doch nehmen wir es gleich vorweg. Mit Jazz hatte das hervorragende Konzert der fünfköpfigen Band um die charismatische Sängerin am Dienstag im Düdelinger Kulturtempel nicht allzu viel zu tun. Doch wer Youn Sun Nah kennt und ihre musikalische Entwicklung der letzten Jahre verfolgt hat, war in dieser Hinsicht vorgewarnt.

Egal ob Folk, Funk, Country oder Loungeambiente, die Stimmakrobatin meisterte jede Herausforderung mit dem nötigen sensiblen Touch und überzeugend professionellem Know-how, ohne das nebulöse Ungefähr der unnatürlichen, weltmusikalischen Harmonie, die jedem vernünftigen Musikliebhaber mittlerweile zum Hals heraushängt. Youn Sun Nah fängt da an, wo andere Sängerinnen aufhören.

Unverkennbarer Stil und Sound

Die überaus komplexe Herausforderung, diesem multikulturellen Spektrum ihren persönlichen Stempel aufzudrücken, meisterte die charmante Vokalistin, die mit fast übernatürlicher und irrsinnig erschreckender Intensität in den Ring steigt, mit einer Hingabe, die ihren Glauben an die Verwirklichung ihres Ideals permanent verdeutlicht. Ob einzigartige Adaptationen von Klassikern der Popikonen Paul Simon, Cohen, Hendrix und Tom Waits oder anspruchsvoller Fusionmusik, Youn Sun Nah hat im Lauf ihrer Karriere einen stark personalisierten, unverkennbaren Stil und Sound entwickelt, der inzwischen von den zaghaften, aber von Anfang an international vielbeachteten Identitätsversuchen des Shootingstars der aktuellen Szene weit entfernt ist.

Ein besonderer Leckerbissen war der, nur vom beeindruckenden Kontrabassisten Brad Christopher Jones und der Solistin selbst auf der „Kalimba“, einem afrikanischen Daumenpiano, begleitete Standardsong „Black Is The Color Of My True Love’s Hair“, ein herrlicher Ausflug in die Welt des traditionellen amerikanischen Folk Songs.

Highlight für Jazzfans war eine Komposition des schwedischen Gitarristen Ulf Wakenius, mit dem die Solistin 2013 bei den Wiltzer Festspielen zu Gast war. Hiermit bewies die vielseitige Künstlerin, dass sie auch bei jazzigen Vokalakrobatien durchaus mit den Größten des modernen Jazzgesangs wie Urszula Dudziak oder Maria Joao mithalten kann. In der Liga der soften Charmeinterpretinnen à la Nora Jones oder Katie Melua belegt sie sowieso den ersten Platz. Natürlich durfte eine Hommage an ihre Heimat, mit einem „koreanischen Blues“, nicht fehlen. Damit unterstrich die Bandleaderin besonders prägnant ihre nahtlose Verbindung der Kulturen von Orient und Okzident.

Was das musikalische Chamäleon außerdem von der nervenden Sterilität der gängigen Loungejazzsängerinnen unterscheidet, sind die feinen, dynamischen Differenzierungen kombiniert mit ihrem enormen Stimmvolumen sowie die stilistische Spannweite ihres Repertoires.

Erstklassige Band am Werk

Brillant, virtuos präsentierte sich Keyboarder Frank Woeste, der neben seinen makellosen Soli auf dem Konzertflügel für abwechslungsreiche, effektvolle Untermalung am Fender Rhodes und an der Hammondorgel sorgte. Tomek Miernowsky, der Geheimtipp der Soiree, war auf der akustischen und E-Gitarre als Spezialist für wertvolle, souveräne Soundbeweglichkeit pausenlos im Einsatz, während der präzis wie ein Uhrwerk im Hintergrund agierende, streng organisierte Schlagzeuger Dan Rieser und der hörbar vom Jazz herkommende Brad Christopher Jones am Kontrabass mit verblüffender Leichtigkeit, unaufdringlich die adäquate Klangkulisse der verschiedenen Stilvarianten lieferten. Hier war eine erstklassige Band am Werk, bei der die dynamische Bandleaderin in besten Händen ist.

Dass nicht überall Jazz drin ist, wo Jazz drauf steht, störte im Nachhinein keinen der zahlreichen begeisterten Zuhörer, bot das 90-minütige Spektakel in gewollt spartanischen Arrangements doch eine intensive Demonstration bester populärer Musik der gehobenen Klasse, das vieles bisher Erlebte in den Schatten stellte.