LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Man schreibt diesen Artikel. Und dann liest man diesen Artikel. Und dann fragt man sich, ob man an diesen Sätzen nicht irgendetwas komisch findet. Aber im Grunde ist es auch egal, ob man das komisch findet, denn diese oder diesen „man“ gibt es ja gar nicht! Oder weiß man, wer „man“ ist? Darf man sich bei „man“-Sätzen angesprochen fühlen? Man weiß es nicht!

Es liegt mir fern, Bastian Sick („Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“) und seiner „Zwiebelfisch“-Kolumne Konkurrenz zu machen, sind die ewigen Sprachkritiker doch selten Sympathieträger, doch dieses eine Mal will ich meine Kolumne dem Indefinitpronomen widmen. Ich werfe ihm nämlich so einiges vor. 

Erstens heimst es meine Lorbeeren ein und Ihre, lieber Leser. „Man“ stiehlt Ihnen die Show und taucht in Sätzen auf, in denen Sie eigentlich die Hauptrolle spielen sollten. Und wenn man „man“ dann dafür zur Rechenschaft ziehen will, ist „man“ nicht mehr da und hat sich in einem imaginären Kollektiv aufgelöst. 

Zweitens nimmt „man“ nur den Platz der Personen ein, die es offensichtlich nicht wert sind, genannt zu werden, das zumindest drückt „mans“-Präsenz doch aus. Nun hat aber (fast) jeder Satz ein Subjekt. Wenn aber weder die Person von Belang ist, die die Handlung ausführt, noch die, die angesprochen wird, was drückt der jeweilige Satz dann überhaupt noch aus? Schafft „man“ in dem Fall nicht Raum für überflüssige, sinnentleerte Äußerungen?

Drittens bietet „man“ mir die Möglichkeit, mich hinter ihm zu verstecken und heimlich in seinem Schatten zu verschwinden. Es mag mir gelegen kommen, es passt mir aber nicht, wenn jemand anderes mich in „mans“ Schatten verfrachtet. Du willst, dass „man mal einen Kaffee trinken geht“? So weit so gut - aber darf ich auch mitkommen? 

Viertens würden sich auch feministische Sprachkritiker gerne des „mans“ entledigen, denn „man“ sieht aus wie „Mann“ und klingt auch so. Frau will aber nicht wie Mann aussehen und wie Mann klingen. 

Fünftens ist „man“ immer so enttäuscht und wird nur in negativen Momenten hervorgeholt. Zum Beispiel bei Castingshows. „Man“ hätte gern gewonnen. „Man“ wäre gerne noch länger dabei gewesen. „Man“ muss jetzt leider die Koffer packen, weil „man“ kein Foto bekommen hat. Und das, obwohl „man“ doch nur einmal nicht so gut war, wie „die anderen“. 

Also „die anderen“ sind die, die nicht „man“ sind. 

Sechstens wollen immer alle wissen, wie „man“ das macht und genauso wollen sie das dann auch machen! Wie geht „man“ vor? Wie geht „man“ mit Trauer um, wie macht „man“ seine Wäsche, wie bereitet „man“ ein Omelette zu, was macht „man“ gegen Durchfall? „Man“ ist ein Vorbild! Dass dem so ist, liegt wohl im nächsten Punkt begründet.

Siebtens kann „man“ alles - Sport, Politik und vieles mehr. Man sehe sich dazu folgende aktuelle Schlagzeilen an (es handelt sich um authentische Überschriften von Onlineartikeln): „Auf Facebook kann man jetzt dankbar sein“. „So kann man den Wechseljahren entgegenwirken“. „Man hat immer ein Projekt“. „Ich bin der Meinung, man kann das schaffen!“ 

Deshalb hat „mans“ Meinung auch Gewicht: „Bislang geht man nicht von Terrorzelle aus“. 

Und er gibt sein Wissen gerne weiter: „Man brachte uns bei, Haltung zu zeigen“. 

Selbst wenn „man“ doch mal nicht alles kann: „Man kann das FBI nicht abhalten, das Richtige zu tun“. „Man lernt nie aus“. 

„Man“ steht seinen Mann und zu seinen Fehlern: „Man hätte die Wehrpflicht 2011 nicht so Hals über Kopf abschaffen sollen“. Und: „Man hätte unseren Profis Pampers geben können“. 

„Man“ kennt seine Pflichten: „Man muss höflich bleiben“.

„Man“ verschließt auch nie die Augen: „Auf Frankfurts Straßen sieht man das Elend“. 

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass wir uns von „man“ doch manchmal eine Scheibe abschneiden sollten! 

Man sieht sich!