CORDELIA CHATON

Alle machen am Montag auf, alle freuen sich, die Kunden, die Betriebe, die Mitarbeiter. Nur bei den Airlines dieser Welt hängt der Haussegen schief. Die Zahlen sind zum Fürchten: Die skandinavische Airline SAS will sich von 5.000 Mitarbeitern trennen, was 40 Prozent der Belegschaft entspräche. Derzeit sind 90 Prozent der Mitarbeiter beurlaubt. Bei British Airways sollen 12.000 der 42.000 Angestellten gehen. Der Lufthansa geht es schlecht. Sie ist noch für 17 Wochen flüssig, Air France für 14 Wochen. Die Krise jedoch soll noch Jahre dauern.

Sie reißt auch die Hersteller mit. Um Boeing war es schon vorher nicht gut bestellt. Jetzt ist es eine Katastrophe. Konkurrent Airbus ist wegen der Corona-Krise tief in die roten Zahlen gerutscht. Unter dem Strich gab es im ersten Quartal einen Verlust von 481 Millionen Euro nach einem Gewinn von 40 Millionen im Vorjahreszeitraum. „Wir befinden uns mitten in der schwersten Krise, die die Luftfahrtbranche jemals erlebt hat“, versicherte Airbus-Chef Guillaume Faury. Das schreckt ab. Der legendäre US-Investor Warren Buffett traut der gesamten Luftfahrtbranche nicht mehr über den Weg: Seine Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway veräußerte alle Beteiligungen an US-Fluggesellschaften.

So ist die Welt über den Wolken nicht nur die einer grenzenlosen Freiheit, die sich gut anfühlt, sondern auch eines freien Falls ins Bodenlose. Der zwingt zum Umdenken in vielen Fragen. Air France sieht sich beispielsweise in Frankreich heftiger Kritik ausgesetzt, weil Passagiere nebeneinander im Flieger sitzen. Doch wenn die Fluggesellschaft die Zwei-Meter-Regel einhalten will, kann sie auch gleich Insolvenz anmelden. Schon jetzt sind die Unsicherheiten groß, was mögliche Reisen, Kerosinpreise und Auflagen angeht.

Neben diesen praktischen Aspekten stellt sich auch die Frage: Brauchen wir das? Bislang waren staatliche Fluggesellschaften auch ein nationales Aushängeschild. Will sich ein Land noch so einen Luxus leisten? Und: Verdient in einer globalisierten Welt eine Fluggesellschaft noch staatliche Unterstützung, auch, wenn sie einer anderen gehört? Mit dieser Frage kämpft gerade Lufthansa-Tochter Brussels Airlines.

In Luxemburg, wo die Luxair in den vergangenen Jahren gegen Billigflieger anflog, ist die Frage durch eine Personalie in gewisser Weise entschieden worden. Der bisherige CEO Adrien Ney kommt aus der Privatwirtschaft. Der neue, Gilles Feith, aus dem Ministerium. Er gilt als Vertrauter von Minister Bausch, von hoher Stelle protegiert und als Macher gelobt. Das Experiment, einen Beamten auf die Stelle des CEO zu setzen, ist mit Romain Bausch bei SES mal gut gegangen. Ob es diesmal wieder klappt? Klar ist: Der Staat will eine nationale Fluggesellschaft. Zu welchem Preis? Das bleibt abzuwarten. Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach, die eine ausgezeichnete Schreiberin lange vor Linienflügen war, hatte mal gewarnt: „Du kannst so rasch sinken, dass du zu fliegen meinst.“