LUXEMBURG
SARAH LIPPERT

Sebastian Fitzeks Widersprüche offenbaren sich in seiner„Leseshow“

Eine Lesung. Daran ist nichts Ungewöhnliches. Lesungen gibt es viele. Ungewöhnlich ist nur, dass 600 Leute gekommen sind, um einem Autor zuzuhören, wie er aus seinem neuesten Werk vorliest. Der Autor heißt Sebastian Fitzek. Seine Bücher können zehnmal mehr Leser vorweisen als Luxemburg Einwohner. Sie sind in 24 Sprachen übersetzt worden, werden verfilmt und auf die Bühne gebracht. Der Gewinner des Europäischen Preises für Kriminalliteratur gilt als der populärste aller deutschen Krimiautoren - wenn er liest, stehen die Leute Schlange. Längst nennen sich Fitzeks Auftritte nicht mehr „Lesungen“, es sind „Leseshows.“ Bei seiner letzten Lesetour trat er vor mehr als 30.000 Zuschauern auf. Das sind Dimensionen, die einen fast sprachlos machen, besonders, wenn man häufiger Lesungen besucht und feststellt, dass die Anwesenheit namhafter Autoren in Luxemburg häufig nicht einmal eine Hundertschaft Zuhörer anlocken kann.

Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante - Lëtzebuerger Journal
Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Literaten-Superstar

Also mache ich mich auf den Weg in die altehrwürdigen Hallen des „Athénée de Luxembourg“, in dessen Festsaal der Literaten-Superstar auftreten wird. In meiner Tasche liegt sein neues Buch: Ein Thriller von knapp 400 Seiten – „Der Insasse“.

Fitzek ist ein Phänomen: Was muss ein Autor können, um eine solche Zahl an Zuschauern und Lesern zu fesseln? Ist es, weil er „Popcorn-Kino zwischen Buchdeckeln“, „nervenaufreibende HBO-Serien ohne Bildschirmbedarf“ produziert? So jedenfalls stellt ihn Jérôme Jaminet zu Beginn der Lesung vor.

Fitzek betritt die Bühne. Klatschen. Ein paar schale Witze über seinen ersten Aufenthalt in Luxemburg. Man sei so freundlich hier und zudem habe er noch keine verhaltensauffälligen Menschen gesehen. Klar, weil in Luxemburg laufen die immer mit einem Schild durch die Gegend, auf dem „Achtung, verhaltensauffällig steht“. In Berlin machen die das auch so, oder? Und in Fitzeks Texten auch.

So langsam kommt Fitzek in Fahrt. Nur ist das Problem: Ich komme mir nicht vor, wie auf einer Lesung, vielmehr haftet dem Ganzen der seichte Geschmack einer mittelmäßigen Comedy-Show auf SAT1 an. Er erzählt davon, dass er aufgrund eines Posts einmal für tot erklärt wurde, dass er bei seinem Erstlingsroman in die Bücherläden ging, um die Regale mit den Neuerscheinungen umzusortieren, wie ungemein es ihn freute, dass eine Buchverkäuferin an der Kasse ihn scheinbar erkannt hatte und schließlich doch nur seinen Namen von der EC-Karte abgelesen hatte. Ich fange an zu verstehen, weshalb man das Ganze eine „Leseshow“ nennt... und dass ich nicht nur den Thriller-Autor Fitzek vor mir stehen habe, sondern auch den Verfasser eines Ratgebers mit dem Namen „Fische, die auf Bäume klettern. Ein Kompass für das große Abenteuer namens Leben.“

Doch dann zeigt Fitzek plötzlich sein wahres Gesicht, er setzt sich hin und liest die ersten Seiten aus seinem neuesten Werk vor.

„Der Insasse“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der seinen Sohn durch die Mordlust eines wahnsinnigen Täters verloren hat und der dennoch nicht weiß, was seinem Sohn wirklich zugestoßen ist, obwohl der Mörder längst gefasst wurde. Dieser sitzt im Hochsicherheitstrakt einer Psychiatrie und schweigt. Um die Wahrheit herauszufinden, muss Max Berkhoffs Vater einen Weg finden, die Wahrheit aus dem Täter herauszulocken. Er nimmt eine neue Identität an und lässt sich in die gleiche Psychiatrie einweisen…

Nichts für schwache Nerven

Die Lektüre dieses Buches ist nichts für schwache Nerven. Bereits auf den ersten Seiten kriegt der Leser die volle Dosis „Thriller“ verabreicht. Detaillierte Beschreibungen verwesender Kinderleichen kommen darin vor, ein Axtmord, ein wahnsinniger Mörder…

Manche Gesichter im Publikum wirken versteinert, andere regelrecht angewidert.

Sie sind regelrechte Spiegel jener Gesichter, die davor in einem kleinen Film zu sehen waren: Ende August 2018 hatten sich einige Leser dazu bereit erklärt unter Laborbedingungen „Der Insasse“ zu lesen. Dabei wurden sie gefilmt. Aus allen Gesichtern sprachen dabei die gleichen Gefühle: Ekel, Abscheu und vor allem Angst. Ein Geniestreich der Werbung: Welches Buch vollbringt es denn heute noch, den mittlerweile durch Nachrichten, durch Film- und Computerspieleindustrie abgestumpften Leser derart zu beeindrucken? Die Antwort ist einfach: Fitzeks Schreiben, von manchen als „Poesie der Angst“ betitelt, besitzt die Subtilität eines Vorschlaghammers. Durch die Brutalität des Geschriebenen, sozusagen durch die Kulminierung des Bösen zwingt Fitzek den Leser zur Empathie. Er erzählt seine Geschichten nämlich aus der Perspektive der Opfer und ihrer Nächsten. Und in deren Lage können wir uns hineinversetzen. So wird der Leser im Sinne der aristotelischen Poetik durch Jammern und Schaudern wachgerüttelt, denn so Fitzek, „der Angriff auf das Leben“ bringe uns dazu, wieder „die richtigen Prioritäten“ zu setzen. In seinem Inneren ist Fitzek trotz aller Seichtigkeit ein Erzieher. Das erklärt dann auch, wieso er ab und zu einen Ratgeber schreibt. Und weshalb das „Athenée“ vielleicht doch der richtige Ort für seine „Leseshow“ war.

Lëtzebuerger Journal

Gerald Murnane|Border Districts

Virtually plotless, Border Districts tells of an old man who has moved to a far-off location to write a “report” about his life. It begins with the first-person narrator’s admission that he cannot go on without first explaining a particular phrase and, after one and forty pages, ends with the explanation of said phrase. In between, veteran Australian writer Gerald Murnane – only lately discovered in Europe – lays out a travelogue through memory, a cartography of the mind, in which the protagonist thinks back on such diverse things as horse-races, his catholic upbringing and marbles. Questions of perception and remembrance loom large as many a paragraph is devoted to a description of stained-glass windows or to a half-forgotten novel the narrator has read at one point or another. The prose is wonderfully labyrinthine, with carefully constructed repetitions and digressions that match the protagonist’s free-roaming associations. Border Districts is an odd book, to say the least, almost zany in its compulsive mannerisms, yet also very touching and mesmerizing in its attempt to meticulously record an inner life nearing its end. (Jeff Thoss)

Giramondo Publishing, 144 pages, 8.99 pounds

 

Alexander Pechmann|Die Nebelkrähe

Peter Vane kommt traumatisiert aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Auch vier Jahre nach Kriegsende plagen ihn Träume, Erinnerungen und etwas, das er sich nicht mit dem Grauen des Krieges erklären kann. Immer wieder hört er eine Kinderstimme „Lily“ flüstern, so nah, als spräche jemand direkt in sein Ohr. Er vermutet einen Zusammenhang zu einem verschollenen Kriegskameraden und bittet einen Kollegen um eine Einschätzung seiner akustischen Wahrnehmungen. Der verweist ihn, trotz Vanes mathematisch nüchternen Naturells, an die „Society For Psychical Research“. Dort widmet man sich der Erforschung übersinnlicher Erscheinungen. Alexander Pechmann lässt in seinem atmosphärischen Roman die spiritistischen Kreise Londons der frühen 1920er Jahre wieder aufleben und macht dabei den Skeptiker zum Medium wider Willen. Wie viel Wahrheit steckt in den Botschaften, die Vane vermeintlich von Oscar Wilde empfängt? Wer ist Lily? Was hat Oscar Wildes exzentrische Nichte damit zu tun? Wie schon in „Sieben Lichter“ wählt Pechmann eine verbürgte Geschichte und strickt seinen Roman mit großem Talent für das wohlig Schauderhafte und Mysteriöse um sie herum. In Opiumhöhlen, verwinkelten Antiquariaten und im Gespräch mit selbsternannten Prinzessinnen entfaltet sich eine mitreißende Spurensuche, in deren Verlauf sich immer wieder neu die Frage stellt: Wem kann man trauen und was ist wahr? (Sophie Weigand)

Steidl Verlag, 176 Seiten, 18 Euro

 

Frank Bröker|Rink

Edmonton in der kanadischen Provinz Alberta. Ein brutaler Serienmörder, der es offenbar exklusiv auf Eishockeyspieler abgesehen hat, hält die Stadt in Atem. Das Ermittlerteam um den leicht verknautschten Detective James Brooks steht vor einem Rätsel. Abgesehen von der Tatsache, dass sie alle Eishockey spielten, haben die Opfer scheinbar nichts miteinander zu tun: ein Nachwuchstalent, ein Busfahrer, der in seiner Freizeit dem Puck nachjagte, ein abgehalfterter Profi kurz vor dem Karriere-Ende. Besonders makaber: Allen Opfern wurde (vor ihrem Tod) ein Körperteil abgetrennt … Zudem findet die Polizei bei jeder Leiche ein Eishockey-Gedicht. Erst als die in einem Reservat aufgewachsene Psychologin Ella Jones in den Fall hineingezogen wird, weil einer ihrer Patienten verdächtig ist, bekommt der Fall Konturen. Aber für die Ermittler ist es ein Schlittschuhlauf mit der Zeit, denn der Eishockeykiller mordet weiter… Frank Bröker kennt sich bestens mit Eishockey aus und hat bereits einige Sachbücher zum Thema verfasst. „Rink“ ist sein erster Kriminalroman. Nun muss man aber durchaus kein Eishockey-Enzyklopäde sein, um an diesem Buch seinen Spaß zu haben. Wer auf eiskalte Thriller mit rasanten Wendungen und fulminantem Finale steht, der wird bei „Rink“ voll auf seine Kosten kommen. (Francis Kirps)

Verlag Andreas Reiffer, 288 Seiten, 19.90 Euro

Lëtzebuerger Journal

Marcel Proust|Un amour de Swann

Un amour de Swann» est un livre terriblement déprimant, qui dit que l’amour est quelque chose qu’il faut éviter à tout prix, puisque ça vous mine lentement en plantant en vous l’idée obsessionnelle que vous ne pouvez plus vous passer d’un autre être humain dont vous ne connaissiez pas l’existence auparavant et qu’il vous faut de surcroît idéaliser avant de pouvoir en tomber amoureux (en fait, «Un amour de Swann», c’est un peu «Inception» avant l’heure et sans la science-fiction).

Le roman vous raconte les tourments d’un homme, Swann, qui tombe amoureux d’Odette, une femme entretenue (on dirait de nos jours que le bouquin est misogyne, ce qu’il n’est pourtant pas) qu’il trouve d’abord vulgaire mais qu’il arrive ensuite, par le biais d’un tableau de Botticelli et d’une sonate – un peu comme les couples de nos jours disent qu’ils ont «leur chanson» –, de cristalliser en personne aimée. C’est à cause de ce processus d’idéalisation que commencent les tourments, puisqu’on tombe toujours amoureux d’une personne qui n’existe pas.

Comme tout au long de sa recherche, Proust montre qu’on ne peut jamais connaître son entourage, que l’autre est filtré et construit par nos projections – quand on est amoureux, l’on a encore plus tendance qu’autrement de voir le monde filtré par nos désirs. Le roman se termine ironiquement par le constat que Swann a gâché des années de sa vie pour une femme qui n’était «même pas son genre». Bref c’était une très mauvaise idée de nous le donner à lire lors de notre adolescence alors que nous étions traversés d’incertitudes quant à nos vies futures et l’identité qu’il nous restait alors à construire (qui reste d’ailleurs toujours à construire), puisque ça nous a fait miroiter des souffrances dont nous n’avions qu’à faire quand nous faisions nos premiers vrais pas plus assurés dans le domaine amoureux. Mais c’est aussi la partie émergée d’un chef-d’œuvre absolu, par moments très drôle, dont les phrases parfaitement rythmées risquaient, malgré les avertissements de Proust, de nous faire tomber amoureux de la langue française. (Jeff Schinker)

folio classique, 384 pages, 4.90 euros

lesezeichen

Fun-Fact-Fundgrube (Teil 1)

1. Ein Buch, das weniger als 49 Seiten umfasst, ist streng genommen kein Buch, sondern eine Broschüre.

2. Kein Buch ist kleiner als 2,4 x 2,9 Millimeter, keines ist größer als 9,14 x 7,31 Meter.

3. Das schwerste Buch der Welt hat das Gewicht eines Viererbobs (210 Kg), das teuerste kostet in etwa so viel wie 23 Bugatti Veyrons oder drei Inseln in der Karibik.

4. Nigel Tomms Romanwitz „The Blah Story“ besteht aus über 11 Millionen Wörtern in 23 Bänden und enthält das längste Gedicht, das längste Drama, den längsten Satz, das längste Wort, vor allem aber den längsten Dünnschiss der Welt. Ein repräsentativer Satz: „Upon blah up with the blah, blah perceived that it was in the blah of a blah blah of the blah of the blah, but far blah in blah the blah of these blah“. Viel Blabla um Nichts, wenn ihr mich fragt.

5. 2.000 Bücher stehen, liegen und stapeln sich in meiner Privatbibliothek. Ein beachtliches Quantum Lesestoff? Pustekuchen! Der Amerikaner John Q. Benham hat 750 Mal mehr. Ich weiß nicht, ob man ihn dafür beneiden soll. Seine Bude ist proppenvoll, in die Garage passt nicht einmal ein Tretroller.

6. Was konnten Sie eigentlich mit vier Jahren? Mit Messer und Gabel essen? Eine halbe Minute lang auf einem Bein stehen? Mit acht Wörtern ganze Sätze bilden? Dorothy Elmhirst Straight hat in diesem Alter ihr erstes Buch geschrieben: „How the world began“, erschienen 1964 bei Pantheon Books.

7. Dass Harry Potter ein Phänomen ist, weiß jedes Kind. Aber wussten Sie auch, dass der siebte und letzte Band das am schnellsten verkaufte Buch aller Zeiten ist? Allein am Erscheinungstag gingen 8,3 Millionen Exemplare von „The Deathly Hallows“ über die Ladentheken, durchschnittlich 345.833 Bücher pro Stunde. Der Roman machte J.K. Rowling innerhalb eines Jahres um 150 Millionen Pfund reicher. Bei den landesüblichen Verkaufszahlen müsste ein Luxemburger Autor dazu etwa 28.000 Bücher schreiben. Das ist, beim besten Willen, in einer Lebensspanne nicht zu schaffen.