CHRISTINE MANDY

Was sich in den Science- Fiction- Welten so verlockend anhört, könnte in der Realität schwerwiegende Folgen haben

Meine Freundin Sara schickte mir letztens ein Foto von einer Tafel weißer Schokolade. „Beam mir doch ein Stück hierher“, schrieb ich ihr zurück und wir waren uns einig, wie „cool“ es doch wäre, innerhalb von Sekunden an jedem beliebigen Ort sein zu können. Die Wunschvorstellung der Teleportation zeugt von großer Popularität und wird unter anderem in den Serien „Raumschiff Enterprise“ und „Star Trek“, sowie der Fantasy- Buchreihe „Harry Potter“ thematisiert. Auch der Mythos des Philadelphia- Experiments wird noch heute von so manch Verschwörungstheoretiker verfechtet. Der Matrose Carl M. Allen will im Oktober 1943 beobachtet haben, wie ein Geleitzerstörer der US Navy in Philadelphia urplötzlich unsichtbar wurde. Weiterhin heißt es, das Schiff sei zwischenzeitlich im 500 Kilometer entfernten Norfolk aufgetaucht, bevor es sich 15 Minuten später an seinem ursprünglichen Standort wieder materialisiert habe. Wer wünscht sich nicht manchmal, es wäre etwas Wahres an dem Mythos dran? Doch was sich in den Science- Fiction- Welten so verlockend anhört, könnte in der Realität schwerwiegende Folgen haben.

Entgegen der Natur

Technisch ist die Teleportation nicht umsetzbar. Nun müsste man sich fragen, ob es nicht seine Gründe hat, dass sie gegen die physikalischen Naturgesetze verstößt. Es gibt nun einmal Dinge, an denen der Mensch nicht weiter forschen sollte, auch wenn es ihn noch so sehr reizen würde, das Unmögliche möglich zu machen. Sicher könnte das Beamen im Alltag einiges erleichtern. Es gäbe keinen Stau, keine Abgase und womöglich nicht einmal Autos. Im Schnitt würden wir sicher zwei bis drei Stunden am Tag sparen, die wir brauchen, um von A nach B zu kommen. Rettungskräfte könnten bei einem Unfall direkt vor Ort sein und wir könnten kostenlos die ganze Welt sehen. Fernbeziehungen gehörten der Vergangenheit an, wir könnten jeden geliebten Menschen schnell und bequem besuchen. Allerdings befürchte ich, dass die negativen Folgen die Oberhand gewinnen würden.

Schmetterlingseffekt?

Was würde zum Beispiel aus den kleinen, lokalen Geschäften werden, wenn jeder sich direkt in den größten Supermarkt mit dem größten Angebot teleportieren könnte oder sich seine Einkäufe sogar bequem nach Hause beamen lassen könnte? Wie viele Menschen würden ihre Arbeit verlieren, wenn Sektoren wie Transport, Logistik und Reisegesellschaften überflüssig wären? Auf der anderen Seite wäre ein extremes Wirtschaftswachstum sehr wahrscheinlich. Es würden fortan nicht nur Pendler aus der nahen Grenzregion, sondern Menschen aus allen Ländern der Welt in Luxemburg arbeiten wollen, die Konkurrenz für die hiesigen Arbeitnehmer wäre enorm. Abgesehen davon käme es zu einem permanenten und extremen Austausch zwischen allen möglichen Kulturen, was einerseits die Toleranz der Menschen fördern würde, diese aber gleichzeitig auch extrem auf die Probe stellen würde. Wäre es nicht sogar möglich, dass die Kulturen sich soweit vermischen würden, dass irgendwann keine Unterschiede mehr festzustellen wären und nur noch eine einzige Sprache gesprochen werden würde? Was würde Europa dann noch ausmachen, was unsere Nation? Wo bliebe überhaupt noch Raum für Toleranz, wenn wir uns alle aneinander angeglichen hätten - eine Konsequenz, die ich für sehr wahrscheinlich halte?

Auch territoriale Grenzen gäbe es keine. Asylsuchende wären vermutlich noch heimatloser als jetzt, doch sie könnten sich dort niederlassen, wo auch immer sie wollten und kein Zaun dieser Welt könnte sie von diesem Vorhaben abhalten. Es wäre einfacher, ihnen vor Ort zu helfen und ihre Häuser wiederaufzubauen aber ob das auch wirklich passieren würde, das steht in den Sternen.

Und wie sähe es mit den Sicherheitsmaßnahmen aus? Wie sollten wir Kriminelle fassen, wenn sie nach der Tat einfach irgendwo hin verschwinden könnten? Wie sollten wir uns vor Diebstählen und ungebetenen Gästen schützen, wenn jeder einfach unangemeldet in das Eigenheim platzen könnte, wenn jede Tür und jedes Schloss seinen Nutzen verloren hätte und ein Rückzug ins Private praktisch unmöglich wäre? Vielleicht wäre das das Ende vom Kapitalismus, das Ende vom Hunger und der Beginn eines neuen, ungeahnten Schreckens ohne Gefängnisse, ohne Handschellen und ohne Ketten. Solange der Mensch habgierig ist und das Eigentum anderer nicht respektiert, könnte ein solches Zusammenleben niemals funktionieren. Wir würden dem Menschen eine moralische und aufrichtige Haltung abverlangen, die ganz und gar utopisch ist.

Der Reiz des Unerreichbaren

Höchstwahrscheinlich würde das Teleportieren uns sogar noch ein wenig unmenschlicher machen und uns abstumpfen lassen. Warum? Weil wir wie Feiglinge vor jeder unangenehmen Situation flüchten würden. Weil wir jederzeit bei unserem besten Freund sein könnten oder zu Hause bei unseren Eltern, wir könnten auf der Spitze des Mount Everest stehen, oben auf dem Eiffelturm, unter der Freiheitsstatue von New York und - wer weiß - vielleicht sogar auf dem Mond. Alles wäre möglich aber genau deshalb hätte vieles seinen besonderen Reiz verloren. Alles und jeder wäre selbstverständlich geworden und auf Dauer würden wir träge und faul werden, des Lebens müde in einer Gesellschaft, die um ein vielfaches schneller wäre, als unsere heutige „Turbogesellschaft“. Man denke an die Worte Goethes: „Einen Regenbogen, der eine Viertelstunde steht, sieht man nicht mehr an.“