PATRICK WELTER

„Tand, Tand ist da Gebilde von Menschenhand!“ Offensichtlich ist Theodor Fontane auch im 21. Jahrhundert noch aktuell. Mit der Ballade von der „Brücke am Tay“ beschrieb er in den 1870ern eine der ersten großen Eisenbahnkatastrophen, den Einsturz der Firth of Tay-Brücke in Schottland mit 75 Toten. War es bei Fontane Hexenwerk, so war es in der Realität damals und ist es heute noch, menschliches Versagen, seltener ein technischer Defekt aber immer eine „Verkettung unglücklicher Umstände“.

Dabei gilt auch bei aller Technikbegeisterung das erste Murphysche Axiom: Alles was schief gehen kann, geht schief. Die „Titanic“ war unsinkbar, die „Andrea Doria“ übrigens auch, das „World Trade Center“ zu groß um einzustürzen, einen so hohen Tsunami würde es in Fukushima niemals geben und wenn, würde die Kühlung der Anlage auf keinen Fall versagen. Wir wissen, wie es ausging: Die beiden ersten liegen auf dem Meeresgrund, die Türme begruben über dreitausend Menschen unter sich und in Fukushima gab es einen vierfachen GAU weltweit live im Fernsehen. Jedes Mal waren die Experten überzeugt davon, dass genau DAS nicht passieren kann. Soso.

Autobahnbrücken stürzen nicht ein, höchstens in China oder irgendwo in Nimmerland, und wenn, dann nur im Bau. Dass eine Brücke wie die Morandi-Brücke in Genua, die seit Jahrzehnten von tausenden Menschen täglich genützt wird, einfach ihren Dienst quittiert und einstürzt, passt nicht in unsere Vorstellungswelt. Die Experten rätseln jetzt, wie etwas passieren konnte, dass Experten für ausgeschlossen gehalten haben - eigentlich. Alltägliche Routine, wie die Fahrt zur Arbeit oder zum Kunden, die für Dutzende Menschen vom jetzt auf gleich zur Todesfahrt wurde. Zuviel Pathos? Vielleicht. Menschen bauen Brücken schon seit Tausenden von Jahren, eigentlich sollten wir die Technik beherrschen. Es gibt moderne Wunderbauten wie die Golden Gate Bridge oder den Viaduc de Millau. Im bosnischen Mostar stand die „Stari Most“ für Hunderte von Jahren, bevor sie der Krieg zerstörte. Die Römerbrücke in Trier hat auch schon einiges mitgemacht, steht aber immer noch.

Moralistischer Zwischenruf: In Syrien sterben die Menschen und wir regen uns über eine Brücke auf? Ja, weil eine Brücke, trotz ihrer Größe, im Grunde ein Alltagshilfsmittel ist. Etwas Normales. Immer da. Fast unsichtbar. Und wenn uns das Normale schon überraschend -entgegen aller Expertenmeinungen - auf die Füße fallen kann, wie sieht es dann mit dem Unnormalen aus? Beispielsweise einem Kernkraftwerk, das schon dreißig Jahre Betrieb auf dem Betonbuckel hat? Und noch weitere dreißig Jahre laufen soll? In diesem Fall sind sich nicht einmal die Experten einig. Die von hüben raufen sich die Haare, die von drüben sehen die Sache locker...

Eigentlich ein Grund sich zu ununterbrochen zu fürchten, aber zum Glück sind wir zur Verdrängung fähig. Wir ignorieren Cattenom im täglichen Leben und denken auch spätestens in drei Tagen nicht mehr über Autobahnbrücken nach. Das ist gut so, denn eigentlich hat sich seit den ersten Primaten in der Savanne nichts geändert: „Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.“ Zugegeben, der schlaue Satz ist von Kästner geklaut, aber immer noch gültig.