LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

27 von rund 6.400 Schulklassen in Quarantäne: Bildungsminister Meisch spricht von marginalem Phänomen - Nachhilfeangebot für kommende „Rentrée“ stößt auf Widerstand beim SEW

Bildungsminister Claude Meisch (DP) verteidigt den Kurs der Regierung zur schrittweisen Wiederaufnahme des Unterrichts in den Schulen und relativiert die Meldungen der vergangenen Tage über infizierte Schüler und unter Quarantäne gestellte Klassen.
Nach Informationen von Donnerstagabend, die dem Ministerium aus den Schulen zugetragen oder dieses dort in Erfahrung gebracht hat, wurden im Fondamental bislang 30 Schüler und vier Lehrer beziehungsweise Erzieher positiv auf Sars-CoV-2 getestet (aktive Infektionen). Schüler aus 15 Klassen bleiben deshalb vorsorglich zuhause.  20 von 157 Schulen sind betroffen. Im Sekundarschulwesen sind Infektionen bei 30 Schülern und drei Lehrern bestätigt. Das betrifft zwölf Klassen und 13 von 37 Lyzeen. „Insgesamt haben wir 27 Klassen, die von einer Quarantäne betroffen sind, von insgesamt 6.402 Klassen“, sagte  Meisch, der von einer überschaubaren Zahl sprach.
Bei dieser Gelegenheit übte der liberale Minister auch Kritik an der Medienberichterstatung. Wenn eine „seriöse faktenbasierte Diskussion“ stattfinden soll, „dann müssen wir der Frage nachgehen, ob sich das Virus in der Schule verbreitet. Bis jetzt haben wir keinen Fall, in dem klar dokumentiert ist, dass sich ein Kind in einer Schule infiziert hat“, sagte Meisch. Er räumte indes ein, dass es in zwei Fällen Zweifel gebe und dass es allgemein schwierig sei, den Infektionsursprung zu ermitteln. Wenn sich ein 17-Jähriger anstecke, dann sei er zwar ein Schüler, gleichzeitig aber auch vielleicht in einem Sportverein aktiv oder bereits berufstätig, wandte Meisch ein.
Mehr Klarheit auch mit Blick auf die Organisation der kommenden „Rentrée“ erwartet sich die Regierung von einer bei der  Covid-19-Taskforce in Auftrag gegebenen Analyse. Verbesserung gelobte Meisch bei der Pressekonferenz wie auch am Freitagnachmittag bei der Anhörung einer Petition  im Parlament hinsichtlich der Kommunikation über Infektionen und Quarantänemaßnahmen in Schulen - die vielleicht auch eine andere Medienberichterstattung zur Folge gehabt hätte. Bislang hakte es dort offenbar zwischen Gesundheits- und Bildungsministerium.  Ersteres ist dafür zuständig, Quarantänemaßnahmen zu beschließen und positiv Getestete mitzuteilen. „Wir erfahren davon nicht auf geordnete Art und Weise“, so Meisch im Parlament. In Zukunft soll sein Ministerium „direkt“ von der „Santé“ „mitinformiert“ werden.

Nachhilfeangebot Ende August - Widerstand des SEW

Um Lernrückstände nachholen zu können, lieferte Meisch gestern Details zur bereits zu einem früheren Zeitpunkt angekündigten erweiterten Nachhilfe an. Ab dem 24. August sollen Schüler aus Grund- und Sekundarschulen dazu online auf Unterrichtsmaterialien zurückgreifen können. Wenn Schüler dabei Unterstützung benötigen, plant das Ministerium eine Nachhilfe in den Schulen vom 29. August bis 11. September, die Lehrer und Studierende übernehmen sollen. Der Schwerpunkt liegt auf den Hauptfächern. Zwei Stunden am Tag sind dafür für einen Schüler vorgesehen.  Die Einschreibung im „Fondamental“ soll zum Ende dieses Schuljahrs über die Klassenlehrer laufen.  Sekundarschüler können frei entscheiden, ob sie auf das Angebot zurückgreifen oder nicht.
 Die Lehrergewerkschaft SEW kündigte gestern prompt ihren Widerstand  an. Nach der Organisation des Fernunterrichts, der Betreuung ihrer Schüler auf Distanz, der Organisation der Klassen in A- und B-Gruppen und den vielen geleisteten Überstunden „haben die Lehrer jetzt ein Recht auf Urlaub“. Darüber hinaus wäre es nach Ansicht der Gewerkschafter sinnvoller, das Personal in den Schulen das ganze Schuljahr über auszubauen. „Die angekündigten zwei Wochen Nachhilfe erweisen sich je nach Fach und Alter der Schüler als lediglich sechs bis zwölf Stunden Nachhilfe“, schreibt das OGBL-Syndikat Erziehung und Wissenschaft, zudem in „zusammengewürfelten Gruppen“. Statt „Alibi-Nachhilfestunden“ fordert die Gewerkschaft: „Jeder Schüler hat ein Recht darauf, die schulischen Rückstände, die durch die sanitäre Krise entstanden sind, in der regulären Unterrichtszeit mit dafür geschultem Personal aufzuarbeiten“.  Mehrkosten hätte das nicht, wenn man zu diesem Zweck auf die „sogenannten Experten“ zurückgreift, „die wie Satelliten um die Grundschule kreisen, häufig ohne direkten Kontakt zum Schüler“.
Die Pläne des Ministeriums sehen derweil vor, auch im kommenden Schuljahr den Schwerpunkt auf das Aufholen von Rückständen zu legen. In den Grundschulen soll dafür auf den „appui pédagogique“ in und gegebenenfalls auch außerhalb der Schulstunden zurückgegriffen werden, das soll über Überstunden des Lehrpersonals sichergestellt werden. Im Sekundarschulwesen soll das Stundenquota im ersten Trimester um 20 Prozent erhöht werden, um Schüler mit Nachholbedarf zu begleiten.
Sorgen bereiten dem Ministerium und auch den Sozialpartnern die infolge der Wirtschaftskrise geschmälerten Jobaussichten für Schulabsolventen. Meisch bot ihnen den Ratschlag an, jetzt eher noch eine Ausbildung dranzuhängen, als möglicherweise ein Jahr lang erfolglos einen Job zu suchen.
 Auch Auszubildende leiden unter der jetzigen Situation. Zum 1. Juni seien im Vergleich zum Vorjahr „nur 70 Prozent der Lehrstellen“ gemeldet worden. Die Regierung sieht deshalb einmalige Prämien  (zwischen 1.500 und 3.000 Euro pro Azubi) für Unternehmen vor, die Lehrlinge aufnehmen. Wer dennoch keinen Ausbildungsbetrieb findet, soll in einer der zusätzlichen Vollzeitklassen unterkommen.

Petitionäre fordern aktive Einbindung

In der „Chamber“ wurde gestern ebenfalls über jene Petition debattiert, die Mitte April binnen einer Rekordzeit die für eine Anhörung erforderlichen Unterschriften zusammenhatte. Die Petition forderte zu diesem Zeitpunkt, Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen erst wieder im Herbst zu öffnen, ein Anliegen, das knapp eine Woche vor Beginn der Sommerferien überholt ist.  Anliegen der Initiatorin der Petition Maria Lidia Garcias Cabral und verschiedener Elternvertreter war deshalb vor allem, die weiter bestehenden Ängste vieler Eltern zu artikulieren. Würden diese Sorgen nicht adressiert, würde eine zweite Petition nicht lange auf sich warten lassen, meinte Jean-Marc Cloos.

Eltern in Entscheidungsprozesse einbinden

Im Sinne eines „positiven Beitrags“ für das nächste Schuljahr, wie es die Autorin der Petition sagte, warfen sie mehrere Fragen auf. Warum beispielsweise bei Klassen mit bis zu 30 Schülern anders als bei Versammlungen mit mehr als 20 Personen keine Maskenpflicht gilt, ob die Organisation kleinerer Klassen möglich ist oder eine Bilanz zu ziehen über die letzten Schulwochen. Bemerkt wurde auch, dass man zwischen Kindern und Jugendlichen, die ähnlich ansteckend seien wie Erwachsene, unterscheiden müsse.
Der DP-Minister wies darauf hin, dass auch wenn in Klassensälen die Zwei-Meter-Abstände nicht immer eingehalten werden können, es sich dennoch um feste Gruppen handele. Zudem gebe es andere Vorsichtsmaßnahmen, die eine Vermischung der Gruppen verhindern sollen. Fernand Kartheiser (adr) meinte indes, es sei eine „Illusion“ zu glauben, Schüler isolieren zu können und nannte den Schulbus als Beispiel.
Wichtig war den Gästen im Hohen Haus dann auch, den Eltern nicht nur zuzuhören oder sie gar nur zu informieren, sondern in Entscheidungsprozesse einzubinden. „Was uns wirklich am Herzen liegt ist, dass eine bessere Kommunikation stattfindet“, bemerkte etwa Ana Pinto. Das sei, wie den Aussagen mehrerer Redner zu entnehmen war, bislang nämlich mangelhaft gewesen. Ressortminister Meisch konnte diesen Kritikpunkt  allerdings nicht nachvollziehen. Er habe „sicherlich nicht nur informiert“ und plädiere auch in Zukunft, „kontrovers miteinander zu reden“. Allerdings sei die Regierung mit teilweise sehr unterschiedlichen Positionen konfrontiert. In einer nach wie vor anhaltenden Krisensituation sei es „nicht immer möglich gewesen, einen Kompromiss zu suchen“, argumentierte er.