ESCH-ALZETTECHRISTIAN BLOCK

Die Schuldnerberatung von „Inter-Actions“ berät und informiert - Interview mit Susana Canaria, Verwantwortliche des „SICS“ in Esch-Alzette

In Luxemburg gibt es zwei Schuldnerberatungsstellen („Services d´information et de conseil en matière de surendettement“ (SICS)): Für den Zentrum und den Norden die Anlaufstelle der „Ligue médico-sociale“ in der Hauptstadt und die Büros von Inter-Actions in Esch-Alzette. Das „Journal“ hat sich mit Susana Canaria, Ökonomin und Verantwortliche der Beratungsstelle für den Süden des Landes unterhalten.

Seit kurzem gibt es auch in Luxemburg die Möglichkeit, Privatinsolvenz zu beantragen. Warum war dieses Gesetz wichtig?

SUSANA CANARIA Das Gesetz vom 8. Januar 2013 ersetzt das Überschuldungsgesetz aus dem Jahr 2000 und ist seit dem 1. Februar 2014 in Kraft. Das ursprüngliche Gesetz sah keine Lösung vor in Fällen, in denen es nicht möglich war, überhaupt etwas zurückzuzahlen. Daher die Notwendigkeit des Gesetzes, das die Möglichkeit einer „redressement personnel“ (Schuldenbereinigung) genannten Privatinsolvenz geschaffen hat, die es bei unseren europäischen Nachbarn schon gab.

... die man allerdings nicht einfach so beantragen kann?

CANARIA Es gibt zwei Etappen, die zunächst durchlaufen werden müssen, bevor eine Schuldenbereinigung beantragt werden kann. Weil diese Prozeduren Zeit brauchen, gab es bisher keinen solchen Fall.

Was sind die Hauptursachen, die zu einer Überschuldung führen?

CANARIA In den meisten Fällen sind es so genannte Lebensunfälle, also Einschnitte im Leben der Personen, durch die ihre budgetäre Lage auf den Kopf gestellt wird. Das kann der Verlust der Arbeit sein, eine Krankheit und insbesondere eine Scheidung. Zum Beispiel, wenn die Miete auf einen der Partner zurückfällt. Dann sind finanzielle Schwierigkeiten nicht zu vermeiden. Übermäßiger Konsum oder das Aufnehmen zu vieler Kredite gehört hingegen nicht zu den Hauptursachen.

Wer sind die Menschen, die zu Ihnen kommen?

CANARIA Die meisten haben sich etwas aufgebaut und sind zwischen 30 und 45 Jahre alt. Diese Altersgruppe ist bereits eine Reihe von Verpflichtungen eingegangen, zum Beispiel in Form von Krediten. Bei jüngeren Menschen können es Dinge wie Telefonrechnungen sein, die nicht mehr beglichen werden können. Das ist eine andere Situation. Fakt ist auch, dass es immer mehr Anfragen von Personen im Rentenalter gibt.

Wie gehen die Betroffenen mit ihrer Situation um?

CANARIA Das ist sehr unterschiedlich. Wer in eine solche Situation kommt, versucht immer zuerst, sich selbst zu befreien. Die Menschen leben mit ihrem Budget. Wer 3.000 Euro verdient, versucht damit auszukommen. So lange, wie alles bezahlt werden kann, ist alles gut. Steht weniger zur Verfügung, werden Abstriche gemacht. Die Gefahr besteht allerdings, den Überblick zu verlieren und genau da setzen wir dann in unserer Arbeit an.Das heißt?

CANARIA Wir stellen zunächst ein Budget auf, damit die Betroffenen, schwarz auf weiß, einen Überblick darüber haben, was mit ihren Einnahmen geschieht. Heute wissen viele Menschen nicht, wo sie wie viel bezahlen. Hat man erst einmal einen Überblick, kann man auch entscheiden, bei welchen Posten Einsparungen machbar sind, um andere, wichtige Kosten abzudecken. Viele unserer Klienten brauchen eine Weile, ehe ihnen klar wird, dass sie ein Problem haben.

Spielt die Tabuisierung eine Rolle?

CANARIA Für Betroffene ist es schwierig, über ihre Situation zu reden, unter anderem weil sie Versagensängste haben und sich deswegen emotional unsicher fühlen. Weil eine Gefahr besteht, die Situation zu verdrängen, haben wir seit April eine Helpline, um eine anonyme Beratung zu ermöglichen. Seitdem es diese Helpline gibt, können wir auf deutlich mehr Anfragen eingehen. Jede Anfrage hat ihre ganz persönlichen Schwerpunkte. Keine Akte gleicht der anderen. Wir versuchen, die Anrufer in diesen Gesprächen auch zu ermutigen. Man muss wissen, dass ein hoher Verwaltungsaufwand auf die Betroffenen zukommt. Die Begleitung spielt insgesamt eine zentrale Rolle. Außerdem setzen wir stärker auf Präventionsarbeit. Das fängt bei Kindern an.

Was raten Sie Menschen, die in eine finanziell schwierige Situation geraten?

CANARIA Sich so früh wie möglich zu informieren und beraten zu lassen, damit möglichst früh eine Lösung angestrebt werden kann. Keine Berührungsängste haben. Und keine neue Darlehen aufnehmen. Neue Kredite sind keine Lösung.


www.dettes-net.lu, www.inter-actions.lu