LUXEMBURG/ SANKT GALLEN
CORDELIA CHATON

Freiheit statt Suren: Als der junge Marokkaner das verlangte, musste er um sein Leben fürchten - In Europa ist er enttäuscht darüber, wie wenig Menschen sich für den Humanismus engagieren

Sein Großvater gründete eine Moschee im Dorf, sein Vater schickte ihn auf eine Koranschule der Salafisten - aber der Marokkaner Kacem El Ghazzali wurde durch die europäischen Aufklärer zum Atheisten und musste seine Heimat verlassen. Seit sechs Jahren lebt er in der Schweiz, wo er von den Islamisten mit dem Tod bedroht und von den Linken als Islamhasser verhöhnt wird. Nichtsdestotrotz schreibt El Ghazzahli weiter einen Blog, hat auf Facebook über 60.000 Follower, setzt sich als wissenschaftlicher Leiter für den internierten saudischen Internet-Aktivisten Raif Muhammad Badawi in der gleichnamigen Stiftung ein, und ist seit 2012 als Repräsentant der „International Humanist and Ethical Union“ bei der UN in Genf tätig, wo er unter anderem Saudi Arabien für die Verfolgung von Freidenkern und Liberalen wie des Poeten Hamza Kashgari und des Bloggers Raif Badawi verurteilt. Wie der Weg von der Koranschule zum Islamkritiker verlief und warum ihm Humanismus so viel bedeutet, erzählte er auf dem 47. Forum in Sankt Gallen, wo wir ihn interviewten.

Herr El Ghazzali, Sie waren als Jugendlicher auf einer Koranschule. Was haben Sie da gelernt?

Kacem El Ghazzali Ja, man muss vielleicht die Familiengeschichte sehen. Ich habe bis zum 9. Lebensjahr in Marokko gelebt, danach in Libyen, weil mein Vater, der Zahnarzt war, dort eine bessere Stelle bekam. Wir zogen viel um, die Familie war groß, weil mein Vater mehrere Frauen hatte. Wir waren nicht sehr religiös, das war eher Folklore. Mit dem Irakkrieg änderte sich das. Mein Vater schlug mir vor, nachmittags zur Koranschule zu gehen. Anfangs war es interessant, weil ich dort andere Jugendliche traf. Als wir mitten im Schuljahr wieder nach Marokko zurückzogen, konnte ich nicht in die Regelschule und kam auf eine salafistische Koranschule. Dort haben wir täglich zwei Stunden Suren auswendig gelernt und danach fünf bis sechs Stunden wiederholt. Wir haben auch gelernt, dass wir Menschen nicht lieben können, so lange wir nicht wissen, wie sie zu Gott stehen.

Was hat das mit Ihnen gemacht?

El Ghazzali Ich war wütend, weil ich dorthin musste. Gleichzeitig war die Religion eine Macht in meiner Hand, um mich an denen zu rächen, die mich dahin geschickt hatten. Zu Hause befahl ich als 14-Jähriger meiner Mutter und Schwester, den Hidschab zu tragen. Ich zerstörte Kassetten. Dabei wollte ich eigentlich Jeans und T-Shirts tragen und mit Mädchen reden.

Wieso sind Sie Atheist geworden?

El Ghazzali Das hat mehrere Gründe. Schon als 7-Jähriger habe ich immer gefragt: Wer ist Allah? Die Antworten darauf waren vage und unrational. Daraus schloss ich damals, dass Allah schwach ist. Außerdem hatte ich einen Onkel, der für mich wichtig war. Er hatte einen interessanten Job und reiste viel. Er war Atheist und sprach mit mir über Logik, Mathematik, den Big Bang und die Evolutionstheorie. Er hat mich sehr beeinflusst. Aus dem Internet habe ich mir dann die Charta für Menschenrechte heruntergeladen. Das fand ich toll, vor allem die Stelle mit der Religionsfreiheit. Auf der High School habe ich dann einen Club für Menschenrechte gegründet. Der Direktor kontrollierte jede Präsentation. Wir konnten nicht die Musik hören, die wir wollten, es musste Musik aus Palästina oder dem Libanon sein. Ich war kurz in der sozialistischen Partei, verließ sie aber wegen der starken Kontrollen wieder. Das alles bereitete eine kritische Haltung vor. Mit 16 Jahren kam die Veränderung meines Lebens. Ich las über Spinoza, Frankreich und die Erleuchtung. Die Werke der Intellektuellen der Aufklärung zu lesen wirkte als Katalysator meiner eigenen, persönlichen Aufklärung. Die Ansichten Spinozas über Religion als organisiertes Dogma, der Mut Voltaires angesichts religiöser Verfolgung oder Diderots Glaube an die Bedeutung von Wissenschaft und Vernunft treffen speziell auf die gegenwärtigen Herausforderungen in der islamischen Welt zu. Es war wie eine persönliche Ansprache aller meiner Probleme. Ich definierte mich als Liberaler. Ich las auch islamische Philosophen und fand heraus, dass sie kritisch gegenüber dem Islam waren. Die Menschenrechte veränderten meine Sicht.

Wie wirkte sich das auf Ihr Leben aus?

El Ghazzali Ich war froh über meine Individualität. Es tat mir leid, dass ich meine Schwester und Mutter zum Tragen des Hidschab verpflichtet hatte. Über meine Ansichten führte ich einen anonymen Blog. In der Schule konnte man selbst im Philosophie-Unterricht keine einfachen Fragen zum Islam stellen, sonst gab es Drohungen. Mein Blog wurde entdeckt und eine Journalistin, die einen Atheisten suchte, sprach mich an. Ich trat im Fernsehen auf. Danach gab es ein großes Drama. Ich wurde in der Schule als Zionist diffamiert, meine Freunde trauten sich nicht, mit mir zu reden, ich war total isoliert. Die Schule warf mich raus und im Dorf konnte ich mich nicht vor die Tür trauen. In vielen islamischen Ländern gilt für Atheismus die Todesstrafe. Da floh ich in die Schweizer Botschaft und von dort 2011 in die Schweiz. Damals war ich 20 Jahre alt.

Waren Sie froh, in Europa zu sein?

El Ghazzali Als ich als politischer Flüchtling in Genf ankam, gab es eine Enttäuschung. Ich hatte den Westen idealisiert. Die Entdeckung, dass das Europa der Aufklärung nicht mehr existierte, das Europa der Bücher, die mich bewegt hatten, für die Freiheit zu kämpfen und zu schreiben, war ein großer Schock. Zwar besteht es geographisch fort, wir können es sehen, können es besuchen. Aber wir können nicht mehr bedingungslos in seine Ideen eintauchen oder die Werte und humanistischen Prinzipien erleben, auf denen es gegründet wurde. Es ist jetzt ein anderes Europa. Eines, in dem Künstler und Autoren Selbstzensur üben müssen aus Angst vor Morddrohungen; wo Karikaturen über Jesus Redefreiheit sind, Mohammed zu zeichnen aber „Hassrede“. Ein Europa, in dem viele Linke und Feministen, konfrontiert mit dem Leid der Apostaten, der Frauen und Minderheiten in der islamischen Welt, den Kopf in den Sand stecken. Die gleichen Leute, die über Risiko im Geschäft reden, wollen mit Menschenrechten bei Globalisierung nichts zu tun haben. Im Flüchtlingslager hatte ich Ärger mit Moslems. Dort war ich plötzlich ein Rassist. Ich habe Zeit gebraucht, mich einzuleben.

Was machen Sie jetzt?

El Ghazzali Ich schreibe Artikel, beispielsweise darüber, ob der Islam zu Europa gehört, halte Kontakt mit anderen, die wie ich denken, habe einen Blog und habe ein Literaturmagazin gegründet. Darüber hinaus setze ich mich bei der UN für Menschenrechte ein. Und ich bin Mitgründer der Badawi-Stiftung. Raif kannte ich schon 2008, weil ich Mitglied seines Forums war. Er sitzt jetzt im fünften Jahr im Gefängnis und kann keine Besuche empfangen. Seine Söhne wollen wissen, wie er aussieht. Auf ihn warten noch zehn Jahre Gefängnis und tausend Peitschenhiebe, dann zehn Jahre Arbeitsverbot. Wir wollen die Erinnerung daran wach halten. Privat habe ich hier meine Frau gefunden und mich auch nach Jahren mit meiner Familie ausgesöhnt. Mein Vater ist sogar hergekommen.

Welche Ziele haben Sie?

El Ghazzali Die haben sich nicht verändert. Ich verteidige immer noch Freiheit und Individualität. Da habe ich nicht nur viel für Marokko zu tun, sondern auch in Europa. Es ist Teil des Problems. Europa ist der Hinterhof islamischer Aktivisten. Wer hier gegen die Redefreiheit protestiert, der sollte kein Rederecht haben. Wenn Europa wirklich Integration will, dann sollte es etwas gegen diese Islamisten unternehmen. Es gibt einen politischen Islam, dem hier wenig Einhalt geboten wird. Was solche Prediger machen, ist gegen Integration. Das spricht gegen die Werte, die Europa einst so groß gemacht haben und die im postmodernen Europa fehlen. Wenn jemand die Moslem-Karte spielt, sollte man ihm Einhalt gebieten.

www.kacemelghazzali.com