LUXEMBURG
SVEN WOHL

Interaktiver Irrsinn: Zusatzfolge von „Unbreakable Kimmy Schmidt“ zum Mitmachen

Die Serie „Unbreakable Kimmy Schmidt“ gehörte einst fest ins Portfolio des Streamingdienstes
Netflix. Sie genießt seit dem Erscheinen der letzten Folge im Jahr 2019 absoluten Kultstatus, weshalb die Freude groß war, als angekündigt wurde, dass eine weitere Folge dieses Jahr nachgeschoben werden würde. Dass es sich dabei um eine interaktive Episode handelt, macht einen besonderen Reiz aus. Schade nur, dass man zu wenig mit den Möglichkeiten dieses Formates anzufangen weiß.

Rückkehr eines alten Übels

Kimmy Schmidt (Ellie Kemper) hat es endlich geschafft und die Liebe ihres Lebens, Prinz Frederick (Daniel Radcliffe) gefunden. Drei Tage vor der Hochzeit ereilt sie jedoch ein schlimmer Verdacht: Reverend Wayne (Jon Hamm), der sie vor Jahren mit anderen Frauen gekidnappt und festgehalten hatte, könnte noch mehr Frauen gefangen halten. Zusammen mit ihrem Freund Titus (Tituss Burgess) entschließt sie sich, auf die Suche nach den Frauen zu gehen, um diese zu befreien.

Der Plot mag sich wie eine Tragödie lesen, doch Nicht-Eingeweihten sei gesagt, dass nichts ferner von der Realität sein könnte. „Unbreakable Kimmy Schmitd“ lässt sich als „surrealistische Komödie“ bezeichnen, die oft genug ins Fahrwasser von dadaistischem Nonsens gerät, dies jedoch in gekonnter Manier so verpackt, dass es massentauglich ist. Der Humor schreckt nicht davor zurück, auf eine metatextuelle Ebene zu gehen. Allein die Tatsache, dass Daniel Radcliffe als Prinz Frederick gecastet wurde, sorgt für ein automatisches Schmunzeln, und dass er seinen Spaß an der Rolle hat, weiß auch zu ermuntern.

Nur für eingefleischte Fans

Wer sich mit den Stammfiguren nicht auskennt, wird mächtige Probleme haben, den Humor auch nur ansatzweise zu verstehen. Doch das Special ist zweifellos für eingefleischte Fans gemacht, die selbst nach vier Staffeln nicht genug haben können. Da es eine Episode zum Mitmachen ist, kann man in zahlreichen Momenten als Zuschauer eine Wahl treffen. Das ist in diesem Fall ein zweischneidiges Schwert. Denn zum einen führt jede Entscheidung zu einer anderen absurden Situation. Es werden also auch mehr Gags geboten als in einer handelsüblichen Folge. Auf der anderen Seite stellt jede Wahl eine Sackgasse dar. Denn wer sich erwartet, dass hier im Stil der bekannten „Black Mirror“-Folge „Bandersnatch“ größer angelegte Handlungsverläufe folgen, liegt falsch. Wer die „falsche“ Wahl trifft, wird mit einem vorläufigen Ende belohnt. Das mag lustig sein, befriedigt jedoch wenig, weshalb man schnell wieder zum vorigen Auswahlpunkt zurückgespuhlt wird. Das ist leider ziemlich enttäuschend, auch wenn sich hier einige der besten Gags verstecken.

Pluspunkte gibt es allerdings für die Tatsache, dass sämtliche Figuren aus der Hauptserie hier etwas Sinnvolles zu tun haben. Jedem wird ein kurzer Handlungsverlauf spendiert, der auch abgeschlossen wird, und für Fans ist es wie ein Wiedersehen mit alten Freunden. Jeder findet immer noch hervorragend in seine Rollen hinein, Radcliffe ist eine gekonnte Dreingabe und steigert zahlreiche Szenen um seine eigene Qualitäten.

Am Ende des Specials stellt sich dann das Gefühl ein, dass man etwas Unterhaltsames gesehen hat, auch wenn es nichts Tiefgründiges befriedigt. Eine nette kleine Spielerei, bei der vielleicht mehr drin gewesen wäre, aber wo man sich nicht wirklich beschweren kann, handelt es sich eher um eine Zugabe.

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Interaktiver Film

Die Idee, einen Film mit interaktiven Ideen zu versetzen, ist weder neu, noch eine Erfindung des Streaming-Zeitalters. Der 1967 erschienene Film „Kinoautomat“ gilt in dieser Hinsicht als ein erstes Beispiel seiner Zunft. Später integrierten gewisse Videospiele in den 1970er und 80er Jahren Filmsequenzen. Einen Schub brachte die Einführung der Laserdisc, welche das Springen zu bestimmten Szenen ermöglichte. „Dragon‘s Lair“ (1983) und „Space Ace“ (1984) waren beliebte Arcade-Automaten, welche einen in einen Zeichentrickfilm eintauchen ließen. Die Verflechtung von Film und Videospiel wurde mit der Einführung der CD vorangetrieben. Obwohl „Night Trap“ 1987 noch für ein Videokassettensystem entwickelt wurde, erschien es erst 1992 für das SEGA-CD-Addon, wo es dank einer hysterischen politischen Reaktion einen Verkaufserfolg feierte. Abseits von Videospielen konnte sich das Konzept - etwa im Kino - nie wirklich durchsetzen. Die gemischte Reaktion auf „Black Mirror - Bandersnatch“ zeigt zumindest, dass nicht jeder etwas mit interaktiven Filmen anfangen kann. Technisch sind sie auf Streamingplattformen jedoch leichter umsetzbar. Herausforderungen ergeben sich jedoch beim Schreiben der Filme sowie beim Dreh. Obwohl die durchschnittliche Zeit bis zum Hauptende von „Bandersnatch“ etwa 90 Minuten beträgt, wurden 150 Minuten Film gedreht und verwendet.