PATRICK WELTER

Bis letzte Woche kannte niemand außerhalb von Nordirland den Namen Lyra McKee. McKee war eine junge Online-Journalistin und Buchautorin, die sich intensiv mit den „Troubles“beschäftigte, dem de-facto Bürgerkrieg, der in seiner Kernphase 1972 (Bloody Sunday) bis 1998 (Karfreitagsabkommen) in Nordirland tobte. Ein richtiges Ende hat die blutige Keilerei nie genommen. Zwar waren sich die Hauptakteure des protestantisch-katholischen Konflikts einig geworden, aber Splittergruppen haben die Hoffnung auf ein vereinigtes Irland oder ein auf alle Zeiten britisches Ulster nicht aufgegeben. Ihnen war egal, dass Pastor Ian Paisley und Sinn Fein-Chef Gerry Adams ihren Frieden gemacht hatten. Noch im August 1998 gab es einen Bombenanschlag mit 29 Toten. Täter war eine „New-IRA“. Danach verschwand Nordirland vom europäischen Nachrichten-Radar. Vereinzelte Morde erreichten die internationalen Nachrichten nicht mehr. Die Grenze zwischen der seit 1920 bestehenden Provinz Nordirland und der Republik Irland wurde immer offener und friedlicher. Nordirland machte sich einen Namen als Filmkulisse, nirgendwo lässt sich in einer schroffen Landschaft so schön sterben, sei es in „Game of Thrones“ oder bei den „Vikings.“ Selbst als Reiseziel erreichte Nordirland eine bescheidene Popularität. Also alles gut? Bis zu jenem Moment 2016, als David Cameron, vom politischen Wahnsinn befallen, den britischen Anti-Europäern einen Knochen hinwarf und den Brexit provozierte.

Die Nordiren hatten sich wohlweislich für einen Verbleib in der EU entschieden, ein Europa der offenen Grenzen war das Beste für Protestanten oder Katholiken. Stattdessen wurden die Grenze zum Zankapfel. Ist der parlamentarische Brexit schon keine Komödie mehr, sondern eine Farce, so ist der Brexit für Nordirland eine Tragödie. Im Scheidungsvertrag hat die EU auf offenen Grenzen zwischen Nordirland und Irland bestanden, unterschrieben von Mrs. May. Andererseits ist dieselbe Mrs. May auf die Unterstützung der obskuren radikal-protestantischen Splitterpartei DUP angewiesen, die genau diesen Vertrag nicht will - denn irgendwann könnte Nordirland zolltechnisch zur EU und nicht mehr zu Britannien gehören! Shocking!

Lyra McKee hat jetzt unfreiwillig aufgezeigt, wo der Weg Nordirlands ohne eine einvernehmliche Lösung an der irisch-britischen Grenze hinführen wird. Zurück zu Bomben, Blut und Kugelhagel. Lyra McKee wurde am 18. April in Derry am Rande von Unruhen - laut Bekennerschreiben einer anderen New-IRA „versehentlich“ - erschossen. Wobei schon der Ortsname ein politisches Statement ist. Für die Katholiken ist es „Derry“, für die protestantische Unionisten ist es „Londonderry.“

Nicht nur den sturen Unionisten à la DUP, auch den „Provos“ der katholischen Seite käme ein harter Brexit gelegen, mit Stacheldraht und Wachturm-Grenze. Endlich wieder ein guter Grund, den ewigen Konflikt nicht mit Worten, sondern mit Bomben und Knarren bis zum bitteren Ende auszufechten. Den Brexiteers im Unterhaus muss klar sein, dass sie mit ihrem sturen Kurs nicht nur das Geld der Wirtschaft vernichten, sondern auch ihre nicht mehr ganz blütenweißen Westen mit nordirischem Blut besudeln werden.

Hoffentlich hat der Tod von Lyra McKee ein paar Sturköpfe zum Umdenken bewogen.