LUXEMBURG
GUY COLLING

Morgen findet der „Internationale Tag der Artenvielfalt“ statt. Deren Bedeutung für die Welt und somit für uns Menschen wurde erst kürzlich erneut durch einen Bericht des Weltbiodiversitätsrats der Vereinten Nationen unterstrichen. In diesem heißt es unter anderem, dass eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind. Auch bei uns in Luxemburg sind zahlreiche Arten bedroht. Hierzu der Populationsbiologe Guy Colling vom „Musée national d’histoire naturelle“.

„Luxemburg hat eine recht hohe Artenvielfalt an Gefäßpflanzen, da es in unserem Land viele verschiedene Lebensräume gibt. Die Zahl der verschiedenen Pflanzenarten lag bei uns einst bei über 1.300. Mittlerweile sind jedoch über 100 dieser Arten ausgestorben und rund 440 gelten als bedroht. Da Luxemburg recht klein ist, sind auch die Gesamtpopulationen der bedrohten Arten kleiner, als in einem größeren Land. Dementsprechend hoch ist das Aussterberisiko.

Man kann sagen, dass unsere Situation eine Art Vorschau darauf ist, was auch in größeren Ländern in Zukunft zu erwarten ist. Denn der Großteil aller Arten, die bei uns vom Aussterben bedroht sind, sind es auch in unseren Nachbarländern. Die Gründe für den Rückgang der Artenvielfalt sind in Europa überall ähnlich. Das ist zum einen der Landverbrauch durch Siedlungen und die damit verbundene direkte Zerstörung von Habitaten. Zum anderen ist es aber auch die veränderte Nutzung der Flächen. Besonders Hungerleider, also Pflanzen, die auf nährstoffarme Böden angewiesen sind, sind bedroht, da der Nährstoffeintrag auf landwirtschaftlichen Flächen oftmals sehr hoch ist. Pflanzen, die Nährstoffe mögen, gedeihen prächtig und die Hungerleider, wie z.B. die Orchideen, verschwinden.

Im Grünland werden durch die Düngung besonders Gräser gefördert. Der damit verbundene Rückgang der Blumenwiesen wirkt sich negativ auf die Anzahl der Bestäuber wie z.B. Wildbienen und Schwebfliegen aus. Deren Anzahl ging in den letzten Jahrzehnten drastisch zurück, was sich wiederum negativ auf die Vögel auswirkt und so weiter. Die ganze Nahrungskette wird also verändert. Im Gegensatz etwa zum Klimawandel, der immer mehr Menschen bewusst wird, ist das Artensterben für die meisten noch sehr abstrakt. Schließlich scheint die Natur, solange sie schön grün ist, auf den ersten Blick für viele Menschen noch intakt zu sein. Dem ist aber nicht so. Leider können wir zurzeit noch keine realistischen Computermodelle, wie man sie vom Klimawandel her kennt, für das Artensterben erstellen, da die Ökosysteme wesentlich komplizierter sind. Vorhersagen sind daher nur sehr schwer zu machen. Lediglich bei einigen Schlüsselarten, wie den Bestäubern, kann man recht sicher Voraussagen treffen, was passieren wird, wenn diese verschwinden.

Entsprechend wichtig ist es, das Bewusstsein der Bevölkerung für das Artensterben zu schärfen. Dies vor allem auch im Hinblick auf die zukünftige Evolution der biologischen Vielfalt auf diesem Planeten. Denn sind Arten erst einmal verschwunden, kommen sie nicht wieder. Um das Artensterben ansatzweise zu stoppen, müssen wir dafür sorgen, dass aus dem Flickenteppich der Schutzgebiete wieder vernetzte Lebensräume werden, dass also Populationen von bedrohten Arten von einem Gebiet wieder in ein anderes gelangen können. Auch durch unser individuelles Kaufverhalten haben wir Einfluss auf das Artensterben, und zwar weltweit.“