Dass das ewige Eis so ewig wohl nicht hält, davon haben viele bestimmt während dieses Sommers eine Ahnung bekommen. Doch nun hat der Wettlauf auf die Bodenschätze der Arktis offiziell begonnen: Shell erhielt eine Bohrgenehmigung vor Alaska. Russland - momentan nicht gut Freund mit den Amerikanern - will sogar Truppen auf Inseln im Nordpolarmeer stationieren - damit wolle man die eigenen Interessen in der Arktis verteidigen, so ein russischer Militär. Auch alle anderen Länder, die an den Nordpol grenzen, haben bereits ohne Ausnahme angekündigt, „ihre Interessen“ an den Bodenschätzen dort wahrnehmen zu wollen. Die Jagd auf die letzten Tropfen Öl hat begonnen, wie es aussieht. Man fühlt sich an Hollywood-Schinken erinnert, die vor nicht allzu langer Zeit wie reiner Kitsch geschienen hatten. Aber der Kitsch wird zur Realität. Obwohl ein hoch industrialisiertes Land wie Deutschland gerade - und bislang erfolgreich - einen Wandel hin zu ökologisch nachhaltiger Energiegewinnung vollzieht, scheinen riesige Länder mit riesigem Ökopotenzial wie Russland und die USA lieber noch den letzten Tropfen aus Mutter Erde auspressen zu wollen - und es geht ja jetzt einfacher als noch vor einiger Zeit: Dank Erderwärmung und Abschmelzen des Eises. Gott muss wohl Zyniker sein. Russlands Präsident Putin denkt schon weiter: Ist das Eis geschmolzen, will er die Nordmeer-Passage als See-Handelsweg zwischen Europa und Asien kontrollieren.
Umweltschützer protestieren derweil gegen die US-Entscheidung und wollen es Shell schwer machen. Am Ende wird das bisschen Sand im Getriebe aber nichts stoppen. Dass Greenpeace von „unumkehrbare Schäden in dem empfindlichen Ökosystem der Arktis“ spricht, ist deren Aufgabe. Andere sagen, man habe in den 1980er Jahren ja auch vom Waldsterben gejammert, der Wald in Mitteleuropa sei aber nicht weniger geworden, sondern mehr. Stimmt. Aber nur zum Teil. Denn hätte man damals nicht auf das Waldsterben aufmerksam gemacht, hätte man nichts geändert und den durch Gifte sauren Regen nicht sauberer gemacht, sähe der Wald heute auch anders aus. Es ändert sich eben nur etwas, wenn man auch was tut.
Die Vereinten Nationen sind nun gefordert: Mega-Verhandlungen mögen im wahrsten Sinne des Wortes langweilig sein, tun aber Not, denn die Klimaveränderung, der Kampf um Ressourcen und Nahrung wird über kurz oder lang zu noch mehr Kriegen führen, zu noch mehr Flucht und Vertreibung, zu noch mehr Leid. Freilich gehörte zu einer Vereinbarung, wie sie für die südliche Antarktis gilt, die in Ruhe gelassen werden soll, viel Verstand und Langmut. Möglicherweise führt der erste große Unfall, der das Eis schwarz färbt und der schrumpfenden Population der Eisbären den Garaus macht, zu mehr Druck auf die Regierungen, die Forschung nach anderen Energiequellen zu forcieren. Stattdessen geht man bislang immer den angeblich einfachsten Weg gemäß dem steten Mantra, die Atomenergie sei die sauberste und billigste Art der Energieproduktion. Aber auch die Vereinbarung zum Südpol wird nur so lange gelten, bis der erste sich nicht mehr daran hält. So ganz ungestört sind die Pinguine dank der vielen Kreuzfahrtkolosse eh nicht mehr.


