COLETTE MART

Als Frauenrechtlerin hätte man sich auf Anhieb über die Nominierung Ursula von der Leyens für den Posten der EU-Kommissionspräsidentin freuen müssen. Allerdings wurden in den letzten Tagen in der europäischen Presse zahlreiche kritischen Stimmen laut, und es gilt jetzt, zu analysieren, welche eventuell berechtigt sind. Die Tatsache, dass von der Leyen tatsächlich zur ersten Kommissionspräsidentin werden kann, ist ein Beweis dafür, dass Frauen es in der Politik immer noch schwerer haben als Männer. Ihr Lebensweg dokumentiert die außergewöhnlichen Bemühungen und Leistungen dieser Frau. Sie wuchs in einem internationalen Kontext auf, verbrachte ihre Kinderjahre in Brüssel und lebte mit ihrem Mann mehrere Jahre in Kalifornien. Sie studierte kurz Archäologie, dann Politik und Wirtschaftslehre, entschied sich jedoch anschließend für ein Medizinstudium mit Fachausbildung. Sie ist Mutter von sieben Kindern, und diese Tatbestände verdienen Respekt. Allerdings bewegte sie sich seit ihrer Kindheit in sozial äußerst privilegierten Kreisen, denn ihr Vater war zeitweilig Ministerpräsident in Niedersachsen und sie heiratete einen Medizinprofessor.

Der soziale Aufstieg wurde ihr also sozusagen mit in die Wiege gelegt, was aber ihre eigenen Leistungen in Bezug auf Studium, Karriere und Mutterschaft nicht schmälert. Als ehemalige Familienministerin förderte sie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, setzte sich für den Ausbau von Kinderkrippenplätzen in Deutschland ein, was ihr die Kritik einbrachte, sie würde das traditionelle Familienleben kippen. Als Bundesministerin für Verteidigung wollte sie eine Bundeswehr, in der Soldaten und Soldatinnen Beruf und Familie verbinden können. Eine Frau als Verteidigungsministerin ist sicherlich unkonventionell und lässt aufhorchen. Man muss von der Leyen lassen, dass sie inmitten der deutschen Waffenproduzentenlobby und einer Welt, in der es stellenweise gefährlich brodelte, dies insbesondere in der Bekämpfung des IS und des internationalen Terrorismus, keinen einfachen Stand hatte, was sie ehrt.

Trotzdem verhedderte sie sich in eine millionenschwere Affäre um Beraterverträge in Bezug auf die Sanierung eines Segelschulschiffes, in der zurzeit juristisch ermittelt wird. Von der Leyen wird also nachgesagt, sie habe ihr Ministerium nicht im Griff, und es sei ein Schachzug von Angela Merkel, eine skandalumwitterte Ministerin loszuwerden und gleichzeitig in Brüssel eine enge Alliierte zu haben. Hinter den politischen Kulissen Europas wird gemunkelt, dass politisches Versagen die Karriere fördern kann.

Darüber hinaus wird ihre Nominierung als antidemokratischer Schachzug gewertet. Das Europaparlament muss jetzt darüber abstimmen, ob es Von der Leyen den Posten geben will, allerdings wäre es ja auch durchaus möglich gewesen, einen der Spitzenkandidaten für die Europawahlen in die Kommission nach Brüssel zu schicken.

Demnach fällt die Freude der Frauenrechtlerinnen darüber, dass eine Frau Kommissionspräsidentin werden kann, dann doch eher durchwachsen aus und es stellt sich die Frage, ob gerade Von der Leyen förderlich für ein gutes Image der Frauen in der Politik ist.