LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Neustart im Rollingergrund

Das im ersten Augenschein eher kleinbürgerliche Viertel Rollingergrund wächst bei genauerer Betrachtung erheblich, und zwar in jeder Beziehung. Dass das Hauptstadtviertel offiziell „Rollingergrund /Belair-Nord“ heißt, irritiert Nicht-Anwohner zunächst. Das Viertel reicht in seinem städtischen Bereich vom Villeroy & Boch Gelände in Siebenbrunnen bis zum CHL an der Stadtgrenze zu Strassen. Im Osten bis an den Place de l’Etoile mit der Trambahnhaltestelle.

Auf einer Karte der Stadtviertel bilden die bebauten Gebiete des „Roillingergrund“ ein ungefähr dreieckiges Anhängsel, das fast bis zur Arloner Straße reicht, an eine um einiges größere homogene Fläche. Diesen flächenmäßig größten Teil von  „Rollingergrund /Belair-Nord“ nimmt der Stadtwald „Bambësch“ ein, das wichtigste Naherholungsgebiet der Hauptstädter. Der Rollingergrund ist also mehr als eine Verbindungsstraße zu den nördlichen Stadtvierteln der Hauptstadt oder den nordwestlichen Vororten.

Wie noch erläutert wird, war das ehemalige Dorf Rollingergrund ein Kind der Steingutindustrie. Aus dem ehemaligen städtischen Waschplatz mit den sieben Brunnen wurde binnen weniger Jahrzehnte ein Industriestandort. Nach mehr als 200 Jahren erfolgt genau dort wieder ein tiefgreifender Wandel. Im Rahmen der Erarbeitung des Allgemeinen Bebauungsplans (PAG)  für die Hauptstadt wurde schon ein Leitplan (schema directeur) für den Bereich der nun freigewordenen Produktionsstätten von Villeroy & Boch erarbeitet.

Ausgehend von der Konversion einer industriellen Produktionsanlage sieht der PAG für das Gelände, das zum Teil im städtischen Besitz, zum Teil im Besitz des Keramikkonzerns ist, den Bau eines neuen Wohnviertels vor. Hier schwebt den Planern ein Gleichgewicht zwischen Verdichtung und grünem Lebensraum vor. So sollen sich die einzelnen Wohnblöcke um kleinere begrünte Plätze zentrieren, damit auch im unmittelbaren Nahbereich Raum für Begegnung geboten wird.

Fotos: Claude Karger, Cayambe (CC BY-SA 3.0) - Lëtzebuerger Journal
Fotos: Claude Karger, Cayambe (CC BY-SA 3.0)

Teil, Teils | Das „Wunnquartier Stade“ wird auch zum Rollingergrund gehören

Eines der größten zukünftigen Bauvorhaben der Stadt Luxemburg liegt - zumindest in Teilen - auch auf dem Gelände des Stadtviertels Rollingergrund.

Es sei darin erinnert, dass das Quartier verwaltungstechnisch „Rollingergrund / Belair Nord“ heißt. Mit der Folge, dass es im Süden praktisch von der Arloner Straße begrenzt wird. Nimmt man die offizielle Stadtteilkarte der Stadt Luxemburg aber genau in Augenschein, ergeben sich einige Kuriositäten. So liegen das Josy-Barthel-Stadion, die Verwaltung des städtischen Hygienedienstes und das Hauptgebäude der Wache der Berufsfeuerwehr im Viertel „Belair“. Der benachbarte Trainingsplatz des Stadions, das Recyclingcenter mitsamt Betriebshof des Hygienedienstes und das rückwärtige Gebäude der Feuerwache liegen dagegen auf der Gemarkung des Stadtviertels „Rollingergrund / Belair Nord“.
Also wird auch ein ordentlicher Teil des auf zehn Hektar geplanten Wohnviertels „Wunnquartier Stade“ entlang der Arlonerstraße zum Rollingergrund gehören. Nach der Inbetriebnahme des neuen Fußballstadions (2020) zwischen Clôche d’Or und Kockelscheuer kann das Stadion Josy-Barthel abgerissen werden, außerdem ziehen der Hygienedienst der Stadt (2024) und die Wache der Berufsfeuerwehr (2021) an neue Standorte, am bisherigen Standort wird somit Bauland frei, das sich zum allergrößten Teil im Besitz der Stadt Luxemburg befindet.

Hauptstadtbürgermeisterin Lydie Polfer stellte schon 2018 fest, dass auch dort dem Wohnungsbau „absoluter Vorrang“ eingeräumt wird. Ihren Vorstellungen nach sollen dort neben den Wohnungen Geschäfte, Sportanlagen, Grünflächen und Begegnungsplätze geschaffen werden. Eine Bürgerbeteiligung bei der Planung und eine gute soziale Durchmischung des Wohngebiets sind weitere Ziele des Schöffenrats.

Im Mai 20198 hatten Lydie Polfer und Bautenschöffe Serge Wilmes den Start eines europaweiten Ideenwettbewerbs für Stadtplaner verkündet, denn das „Wunnquartier Stade“ soll etwa Besonderes werden. Polfer sagte damals: „Es ist außerordentlich wichtig, dass hier ein angenehmes Wohnviertel entsteht“, außerdem unterstrich sie „die Kreativität hat erstmal freie Hand“. Im Prinzip wird mit eintausend neuen Wohnungen gerechnet.

Im nächsten Frühjahr soll eine öffentliche Vorauswahl mit maximal 15 der anonymisiert eingereichten Entwürfen getroffen werden, der letztendliche Wettbewerbssieger wird dann 2021 gekürt werden.

Lëtzebuerger Journal

Gestern, heute und morgen | Industriegeschichte am Rande der Stadt

Vor über 250 Jahren hatte der Rollingergrund alles, was eine Steingutfabrik Ende des 18. Jahrhunderts benötigte: Wald, Sieben Brunnen (Septfontaines), Tongruben, Gelände, keine Konkurrenz, weil Luxemburg noch keine Faiencerie hatte, und so auch einen guten Absatzmarkt.

Seit 1748 hatte der königliche Kanonengießer von Ludwig XV, Francois Boch, mit seinen Söhnen Pierre-Joseph und Jean- Francois im nahen lothringischen Audun-Le-Tiche Steingut hergestellt. 1767 lassen sie sich in Septfontaines nieder. Der älteste Bruder wird der Namensgeber: Jean-François Boch et Frères. Lothringische Facharbeiter folgten ihnen. Aus dem Handwerksbetrieb wird in 17 Jahren ein früher Industriebetrieb mit fünf Öfen und 300 Beschäftigten.

1794 fallen französische Revolutionstruppen in Luxemburg ein und zerstören die Manufaktur. Pierre-Joseph Boch, der Künstler und Handwerker der Familie, nimmt einen Kredit auf und startet neu. 1811 arbeiten wieder 150 Menschen an drei Öfen in Septfontaines. Der andere Bruder, Jean-Francois, hatte in Paris studiert und war Chemiker und Physiker. Er entwickelte ein neues Ofensystem und konnte erstmals die Temperatur genau steuern. Mit ihm machte die inzwischen dritte Generation einen entscheidenden Schritt. Es gelang ein hell weißes, festes Steingut zu entwickeln, dem Porzellan sehr ähnlich, aber preisgünstiger herzustellen. Neben Tafelgeschirr produzierte man in Septfontaines bald auch Fliesen.

Eines der Lieblingsdekore aus dem Rollingergrund war „Vieux-Luxembourg“. Die Bochs hatten sich dabei an einer französischen Manufaktur orientiert, die das Muster mit den feinen blauen Linien unter dem Namen „Brindille-Chantilly“ bekannt gemacht hatte.

Das Werk des Konkurrenten Nicolas Villeroy im damaligen lothringischen Vaudrevange, heute Wallerfangen, liegt nicht weit von Luxemburg entfernt. 1836 beschließen die beiden Konkurrenten Villeroy und Boch zu fusionieren, auch um gegen die dominierende englische Steingutindustrie bestehen zu können.

Ab der zweiten In Hälfte des 19. Jahrhunderts wird die Situation in Septfontaines schwieriger. Boch Freres wird 1882 an Villeroy & Boch in Mettlach abgegeben.

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts steht für Modernisierung und Rationalisierung. Ab Ende der Fünfziger Jahre wird besonders haltbares Vitro-Porzellan in Septfontaines hergestellt, das auch in der Gastronomie verwendet wird.

1966 kommt ein besonders zeitsparender Ofen, der eine starke Steigerung der Produktion ermöglicht. In den Folgejahren übernehmen Roboter die Arbeit. Doch alle Rationalisierungsmaßnahmen verlaufen im Sand. 2003 und 2006 gibt es erste Entlassungen. Die weltweite Finanzkrise läutet 2009 das Ende der Produktion in Septfontaines ein. 230 Menschen verlieren ihre Jobs. Im März 2012 wird die letzte Tasse im Rollingergrund produziert.

Demnächst: Wohnen auf den Spuren des Steinguts

Die Einstellung der Porzellanproduktion nach zwei Jahrhunderten zeigt nun Folgen ganz anderer Art. Bisher war das Stadtviertel Rollingergrund innerhalb des Tales von einer kleinteiligen Bebauung geprägt, wobei einzelne moderne Bauten haben bereits neue Akzente gesetzt haben. Doch den größten Schritt wird das Stadtviertel am seinem  nordwestlichen Ende machen.

Auf dem Gelände der bisherigen Villeroy & Boch-Fabrik und benachbarten Flächen wird ein neues Wohnviertel entstehen. Davon unberührt bleibt natürlich das spätbarocke Schloss Septfontaines mit seinen Anlagen.

Derzeit arbeiten die Stadt Luxemburg und Villeroy & Boch gemeinsam an einer Ausarbeitung eines Teilbebauungsplans (PAP) für das Gelände, der sich an den Vorgaben des PAG (s.o.)orientiert. Ein ehemaliger und auch über 200 Jahre genutzter Industriestandort ist immer für „Überraschungen“ gut. Daher müssen vor dem Aufstellen eines PAP noch einige  technische und  hydrogeologische Untersuchungen abgeschlossen werden, wie die Stadt Luxemburg dem „Journal“ mitteilte.

Die Mischung machts

Die Stadt Luxemburg betonte noch einmal, dass der Wohnungsbau oberste Priorität hat. Daher stehe fest, dass auf dem Gelände im Rollingergrund, das Eigentum der Stadt ist, größtenteils Wohnungen entstehen sollen. Gleiches gelte für das Gelände von Villeroy & Boch. Dort sollen schwerpunktmäßig Wohnungen entstehen. Um eine reine „Schlafstadt“ zu verhindern soll es eine Nahversorgung aus Shops und Gastronomie geben. Sie sollen sich rund um das historische Carré ansiedeln, das an das Gelände von Schloss Septfontaines grenzt.

Aktuell sind oberirdischen Rückbauarbeiten und Abrissarbeiten auf dem Gelände von Villeroy & Boch weitestgehend abgeschlossen, die Sanierung des Geländes ist nach Auskunft der Stadt angelaufen.