LUXEMBURG
ALBIN WALLINGER

RTL Radio Lëtzebuerg feiert 60. Geburtstag - hier einige erstaunliche Fakten und Fotos

Manche sind sehr stolz darauf: Luxemburg ist die Wiege des privaten Rundfunks. Schon 1931 vergab der Staat Frequenzen an eine private Gesellschaft, die CLR. Heute ist die RTL Group mit 60 Fernseh- und 30 Radiosendern Europas größter Betreiber von werbefinanziertem Privatfernsehen und Privatradio. RTL Radio Lëtzebuerg nimmt europaweit jedoch einen Sonderstatus ein: Es unterscheidet sich deutlich von einem herkömmlichen Privatradio. Denn es hat immer noch eine gewisse Gemeinwohl-Aufgabe („service public“).

Ein tägliches Vollprogramm in luxemburgischer Sprache gibt es nun seit 60 Jahren. Der 19. Oktober 1959 gilt als offizielles Geburtsdatum des Senders. Nic Weber war der erste Chefredakteur. Als weitere Pioniere gelten Pilo Fonck und Roby Rauchs. Rauchs prägte als dritter Chefredakteur den Sender bis 1997. Er sieht die Anfangszeit so: „In den 60er-Jahren betrieben wir Communiqué-Journalismus, wo das Geschehen der UNO, die Monarchie, die Kirche, die Regierung und die Abgeordnetenkammer genau in dieser Reihenfolge prioritär waren. Und es durfte keine der anwesenden Persönlichkeiten bei der obligaten Aufzählung vergessen werden.“

Ein typischer Sonntag bei Radio Lëtzebuerg hörte sich Ende der 60er so an (Beispiel: 21.12.1969): 8.30 Sendung für unsere spanischen und italienischen Arbeiter, 9.30 Besuch bei unseren Kranken mit Jeannine, 10.15 Katholische Informationen mit Abbé Heiderscheid, 10.30 Die Sonntagsmesse aus der Pfarrkirche von Schifflingen, 13.30 Ihr Wunsch, unsere Platte.

Colette statt Erna

Der Sender war schon damals kein schlechtes Sprungbrett in die Politik. CSV-Politikerin und Pianistin Erna Hennicot-Schoepges war als Sprecherin von 1963-1966 beim Sender tätig, später, bis 1979, präsentierte sie eine wöchentliche Kammermusiksendung. Dem Autor verriet sie: „Bei RTL war ich die Colette. Erna war zu deutsch für die Luxemburger Sendung, sagte der Chef.“

1970 war ein Umbruchsjahr: Erstmals kamen Morgennachrichten ins Programm. Auch die Mittagssendungen wurden wichtiger, während die Abendsendungen unter der Konkurrenz des Fernsehens litten.

Von UKW über RTL 92,5bis hin zu RTL Radio Lëtzebuerg

Bis lange in die 70er-Jahre hinein hieß es im Volksmund „den UKW“. Ein Slogan-Wettbewerb zur Herbstmesse 1978 führte somit zu folgendem Vorschlag: „D’Häerz voller Freed kritt Dir beim Lauschteren vum UKW“. Die Verantwortlichen in der Villa Louvigny sprachen lieber von „RTL 92,5“. Eine Hörerin dichtete dazu: „Op Kuerz-, Laang oder Mëttelwell, iwwerall héiert een RTL.“ Anfang der 80er-Jahre bemühten sich freie Radiosender um eine Legalisierung ihrer Sender, das heißt, um die Möglichkeit, legal in und aus Luxemburg senden zu dürfen. Das ambitionierte „Radio Grénge Fluessfenkelchen“ konnte ganz legal nur aus dem belgischen Arlon senden. RTL als Monopol-Sender antwortete auf solche Bestrebungen mit mehr Hörernähe vor Ort, setzte auf Übertragungswagen, Motorräder und das sogenannte Reportofon, einen kleinen Sender, der an die Telefonleitung angeschlossen wurde.

Nach zehn Jahren Diskussion über die Radioliberalisierung lässt das Mediengesetz vom 27. Juli 1991 neue Radioprogramme zu. Bilanz nach fünf Jahren: „RTL Radio Lëtzebuerg dominiert den Markt nach wie vor.“ (3.10.1997, Land). Heute, 2019, ist RTL Radio Lëtzebuerg immer noch das meistgehörte Radioprogramm Luxemburgs und mit einer Reichweite von 30,9 Prozent sogar das meistgenutzte Einzelmedium Luxemburgs - noch vor der Papierversion des Luxemburger Worts (TNS Plurimedia, 9/2019, 15+).

Große Verdienste

Trotz mancher Kritik („Programm am Vor- und Nachmittag könnte noch journalistischer geprägt sein“, „Eindruck eines Nebenbei-Programms, um lukrative Werbeblöcke unterbringen zu können“) sind die Verdienste von RTL Radio Lëtzebuerg für das Land in den letzten Jahrzehnten unbestreitbar. Kultur wurde schon in den frühen Jahren von RTL groß geschrieben. Ein Name war in den 70er und 80er-Jahren ganz eng mit der Rubrik Kultur verbunden - jener von Pierre Neiens. Der umfassend gebildete Raymond Tholl moderierte 1.574 Mal die Interviewreihe „Rendez-vous am Studio 2“ beziehungsweise „Studio 7“. Die Pflege der luxemburgischen Sprache wurde ebenfalls eine große Bedeutung zugemessen. Schon Ende der 60er-Jahre plädierte Léon Moulin für das richtige Lesen und Schreiben der luxemburgischen Sprache. Später wurden die Sendungen von Lex Roth, Alain Atten und anderen wichtig. Radio Lëtzebuerg hat früh erkannt, dass der Sport eine wichtige Klammer ist, um die luxemburgische Gesellschaft zusammenzuhalten. Ein wichtiger Name war Carlo Weber, der 1970 zum Sender kam.

Neue Organisationsstruktur seit 2017

Ein Blick auf das neue Organigramm von RTL Luxembourg (Radio, TV, Internet) vom Februar 2017 verrät, wie die Herausforderung des „trimedialen Arbeitens“ in Angriff genommen wird - und wie die Werte der Vergangenheit in die Zukunft fortgeführt werden sollen. Das Organigramm zeigt eine sehr starke Nachrichtenredaktion - unter anderem mit Roy Grotz als Chefredakteur Radio, als Nachfolger von Guy Kaiser, der 38 Jahre für RTL tätig war - und daneben eigene Verantwortungsbereiche für „Kultur“ (Leiterin: Christiane Kremer), „Sport“ (Lucien Linster) und „Special Formats“ (Patrick Greis).

Konzessionsvertrag in der Diskussion

„Wenn RTL seine Wurzeln kappt“, hieß es im September etwas dramatisch im „Wort“. Zum Schluss jedoch eine Einschränkung: „Unberührt von der Diskussion bleibt, RTL Radio Lëtzebuerg, das meistgehörte Programm des Landes, das schon heute privatrechtlich funktioniert.“ Auf den Spagat zwischen privat und Gemeinwohl („service public“) angesprochen, äußerte sich Unternehmenssprecher Oliver Fahlbusch am 10. Oktober gegenüber dem Autor wie folgt: „RTL Radio Lëtzebuerg ist ein privates Radioprogramm, für das im Rahmen der Konzessionsverträge ein gewisser „service public“ definiert ist. Auf den Seiten 9 und 10 finden Sie die entsprechenden Ausführungen zum service public des RTL-Radioprogramms in Luxemburg. Ähnliche Ausführungen zum Radio finden sich auch im aktuell gültigen Konzessionsvertrag, der nicht öffentlich ist.“

„Service public“, in der deutschen Übersetzung „Gemeinwohl“, ist natürlich ein sehr hoher selbst gesteckter Anspruch. Wie weit dieser Anspruch erfüllt wird, wird auch Thema eines neuen Buchs sein, das im Frühjahr 2020 erscheint.