LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„Disko Dementia“ beschäftigt sich mit dem Stellenwert demenzkranker Menschen

Es geht um unsichtbare Machtstrukturen. Um Gewalt, die sich im Umgang mit Demenz-Betroffenen bemerkbar macht. Letztlich um einen scheinbar banalen Witz. Das Künstlerkollektiv Maskénada bringt mit „Disko Dementia“ ein Thema auf die Bühne, das bislang kaum im Theater angepackt wurde und über das sich auch in der Gesellschaft gerne ausgeschwiegen wird. Geschrieben hat es Larisa Faber. Mit ihr haben wir uns im Vorfeld der Premiere am 17. Oktober in der „Banannefabrik“ unterhalten.

Das Stück haben Sie auf Englisch verfasst. Entspricht die luxemburgische Übersetzung Ihren Erwartungen?

Larisa Faber Tatsächlich war ich etwas nervös. Es ist ja doch ein anderes Stück ist, wenn es in eine andere Sprache übersetzt wird. Anne-Marie Reuters Text ist aber sehr nah am Original dran. Die typische Sprachsituation Luxemburgs lässt sich zweifelsohne besser widerspiegeln, jetzt da das Stück auf Luxemburgisch gespielt wird und auch französische Ausdrücke einfließen. Dieses Jonglieren mit den Sprachen gehört ja auch zum Alltag in Pflegeheimen.

Worum geht es also in dem Stück?

Faber Kurz resümiert: um den Stellenwert demenzkranker Menschen in unserer Gesellschaft. Meine Oma ist demenzkrank und lebt seit einiger Zeit in einem Pflegeheim. Das war in zweierlei Hinsicht eine sehr prägende Erfahrung: Erstens mitzuerleben, wie eine Person von 80 Jahren, die so viel erlebt hat, die ihre Wohnung, ihren Familienkreis und ihre Freunde hatte, plötzlich so aus der Gesellschaft „fällt“. Zu sehen, dass es eine derart große Diskrepanz zwischen dem gibt, was auf schönen Webseiten sowie in Broschüren gezeigt wird, und der Realität, hat mich ebenfalls gezeichnet. Über den wirklichen Alltag in diesen Einrichtungen wird selten ehrlich gesprochen. Nein, es ist eben nicht immer alles schön! Es ist ein schwieriges und unbequemes Thema, noch dazu eines, das Angst macht, genau deshalb war es mir wichtig, es auf die Bühne zu bringen.

Sprechen Sie konkrete Probleme an?

Faber Die Idee, die Problematik dieses ganzen Systems in einem künstlerischen Projekt zu thematisieren, hatte ich schon länger, ich wusste nur nicht genau, wie ich es anpacken sollte. Zufällig habe ich eine Geschichte gehört, von der ich nicht wusste, ob sie stimmt oder nicht, die mich aber nicht mehr losgelassen hat. Darauf habe ich das Stück aufgebaut, das heißt, um dieses Gerücht herum eine Handlung erfunden. Es ist also eine Fiktion.

Können Sie etwas mehr ins Detail gehen?

Faber Zu viel will ich nicht verraten, weil es dem Stück die Spannung nehmen würde. Nur so viel: In einem Altersheim erlauben sich Pfleger während einer Nachtschicht einen Witz, der eine gewaltvolle Wendung nimmt. Es kommt also zu einem Missbrauch. Die Figuren im Stück versuchen schließlich zu rekonstruieren, was passiert ist. Auf der einen Seite werden die Geschehnisse aus Sicht des verantwortlichen Pflegepersonals geschildert, auf der anderen Seite will die Tochter des Opfers die Wahrheit erfahren und gegen das System vorgehen. Wie ein Puzzle werden die einzelnen Stücke zusammengesetzt. Natürlich darf zwischendurch auch gelacht werden, auf jeden Fall soll „Disko Dementia“ aber zum Nachdenken anregen. Ich hoffe, dass eine Debatte losgetreten wird, die vielleicht unbequem ist, die aber unbedingt einmal geführt werden sollte.

War für das Schreiben viel Recherchearbeit nötig?

Faber Ich beschäftige mich seit ein paar Jahren mit dem Thema, habe viel darüber gelesen, Filme gesehen... Daraus habe ich geschöpft. Es zu schreiben, hat mir auch dabei geholfen, die Erfahrungen mit meiner Großmutter etwas zu verarbeiten. Man versucht ja zu verstehen, warum so etwas ausgerechnet dieser Person passieren muss. Die Krankheit hat so viele verschiedene Gesichter, so viele verschiedene Formen. Eigentlich wissen wir überhaupt nichts darüber.

Sie selbst gehören auch zur Besetzung. Wie ist es, im eigenen Stück mitzuspielen?

Faber Seltsam (lacht). Oder sagen wir herausfordernd, weil es doch eine ganz neue Erfahrung ist. Mit Regisseurin Linda Bonvini habe ich schon oft zusammengearbeitet, jedoch noch nie in dieser Konstellation. Die Regie zu übernehmen, hätte mich auch gereizt. Am Ende habe ich mich aber für das entschieden, was mein Beruf ist.

Fiel es leicht, die Verantwortung an die Regie abzugeben?

Faber (lacht) Es gab wohl solche und solche Momente. Natürlich war mir bewusst, dass ich die Verantwortung abgeben müsste, genau mit der Einstellung bin ich auch an die Arbeit gegangen. Das Stück ist größtenteils nach meinen Vorstellungen umgesetzt worden, es trägt aber natürlich Linda Bonvinis Handschrift. Genau so soll es auch sein.

Eigentlich hatte Maskénada ein großes Rahmenprogramm geplant. Dieses fällt nun weniger umfangreich aus, weil, ich zitiere aus der Mail des Künstlerkollektivs: „Malheureusement notre partenaire social s’est retiré du projet, après que le Ministère de la Famille n’a plus voulu nous soutenir“. Was hat es damit auf sich?

Faber Das „Info-Zenter Demenz“ und das Familienministerium hatten uns sehr früh schriftlich ihre Zusage als Partner gegeben. Mit dem „Info-Zenter Demenz“ hatten wir bereits ein gewisses Programm in die Wege geleitet. Ende Juli kam dann ein Brief von der Familienministerin, die erklärte, dass man das Projekt nicht länger unterstützen könne, woraufhin sich auch unser Sozialpartner zurückzog. Wie man aus dem Schreiben interpretieren kann, soll an dem Gerücht, auf das ich mein Stück aufgebaut habe, etwas dran sein. Es soll also tatsächlich vor einigen Jahren zu einem solchen Missbrauch in einer Pflegeeinrichtung gekommen sein. Der Fall sei intern und mit den betroffenen Familien geklärt worden und da man die Würde der Menschen schützen wolle, könne man dieses Projekt nicht mittragen, heißt es. Ich möchte noch einmal betonen, dass das Stück eine Fiktion ist. Es geht nicht um eine bestimmte Person. „Disko Dementia“ handelt eben gerade von der Würde des Menschen. Leider kann die Debatte nun nicht in dem Umfang stattfinden, wie wir sie uns gewünscht hätten.

War das ein Rückschlag?

Faber Natürlich war es frustrierend und hat unsere Arbeit nicht vereinfacht. Als persönlichen Rückschlag sehe ich es aber nicht, eher als interessantes Phänomen, was wiederum doch einiges aussagt. Der Grund für die Absage ist zu schwammig. Letztlich ist unser Stück dadurch aber auf eine bizarre und ironische Art und Weise noch relevanter geworden. Es stand außer Frage, das Projekt zurückziehen, auch wenn wir durchaus einen gewissen Druck empfunden haben. Die Thematik ist wichtig und die künstlerische Freiheit ebenso.


„Disko Dementia“ mit Fabienne Elaine Hollwege,

Robert Verbrugge, Elisabet Johannesdottir, Larisa Faber

und Fabio Godinho wird am 17., 20., 24., 25., 26., 27., 30.

& 31. Oktober um 20.00 sowie am 21. & 28. Oktober

um 17.00 gespielt. Tickets unter www.maskenada.lu