ATHEN
SIMONE MOLITOR

OPL-Chefdirigent Gustavo Gimeno über die Tournee und die Entwicklung des Orchesters

Im Jahr 2015 hat der Spanier Gustavo Gimeno die musikalische Leitung des OPL übernommen. Die Chemie zwischen dem Chefdirigenten und dem Orchester stimmte von Anfang an, und die erste Saison verlief derart gut, dass die Verlängerung seines Vertrags um fünf Jahre bereits in der zweiten Spielzeit bekanntgegeben wurde. Für Gustavo Gimeno war dies nun schon die vierte Tournee mit dem OPL, die ihren krönenden Abschluss am Montag in Athen unter freiem Himmel im „Herodes Atticus Odeon“ fand. Wir haben uns kurz vor dem letzten großen Konzert mit dem völlig entspannten Musikdirektor unterhalten. 

Wie stellt man das Programm für eine solche Tournee durch ganz unterschiedliche Länder eigentlich zusammen?

Gustavo Gimeno Üblicherweise beginnt man mit Stücken für die Solisten, dann sucht man ein erstes Concerto, dann ein zweites, und schließlich muss man überlegen, wie man alles zusammenfügt. So läuft das in der Regel immer ab. Eigentlich ist es ein bisschen wie ein Puzzle, das man Stück für Stück zusammensetzt. Vor einer solchen Tour ist man außerdem mit jedem Konzertveranstalter in jeder Konzerthalle in Kontakt, um sich zu vergewissern, dass das Programm zu ihrer Zufriedenheit ist. Deshalb spielen wir in verschiedenen Konzertsälen Ravel und in anderen Stravinsky. Alles in allem würde ich die Musik als optimistisch, unbeschwert und vielfältig beschreiben, teils auch sehr intim. Sie lässt sich einfach genießen. Das Programm ist wohl kontrastreich, trotzdem passt alles sehr gut zusammen. Es ist ähnlich wie in einem Museum, dessen verschiedene Räume man besichtigt oder in dem man nebeneinander unterschiedliche Gemälde sieht, die im Kontrast zueinander stehen und dennoch zusammenpassen.

Apropos Solistin, Yuja Wang wird ja fast ein bisschen wie ein Rockstar gefeiert?

Gimeno In der Tat, sie ist eine begehrte Künstlerin und zieht das Publikum weltweit an, von den USA nach Europa, von Japan bis zu ihrem Geburtsland China. Sie ist ein sehr offener Mensch und äußerst aktiv in den sozialen Medien, und natürlich eine großartige Musikerin. Sie bietet einfach das Gesamtpaket.

Das Image des Orchesters hat sich im Laufe der Zeit gewandelt, es ist moderner geworden, die Anerkennung ist gestiegen...

Gimeno Wir versuchen, einen guten Job zu machen. Mir ist es wichtig, dass sich jeder als gleich wichtig empfindet und sich gleich stark engagiert. Dadurch entsteht letzten Endes auch ein starkes Gefühl von Gemeinschaft und Einheit. Ich will, dass die Musiker mit Stolz performen und Engagement zeigen, bei jedem Konzert und auch bei jeder einzelnen Probe. Bis zur letzten Minute arbeiten wir noch an Kleinigkeiten und einzelnen Passagen. Niemand soll die Dinge für selbstverständlich nehmen oder zu entspannt werden. Ich will, dass wir stets unser Bestes geben, deshalb bin ich so hartnäckig und gebe nicht auf, bis alles perfekt ist.

Das OPL ist trotzdem immer noch ein junges Orchester. Hat es inzwischen seine eigne Identität?

Gimeno Ich denke, wir entwickeln uns immer noch weiter, in verschiedene Richtungen und in verschiedenen Repertoires. Wir machen Opern und Theater-Opern, etwa im Großen Theater, spielen aber ebenso auch moderne Kompositionen, die wir übrigens in ein paar Wochen aufnehmen werden. Ich bin der Ansicht, diese Entwicklung passiert auf vielen Ebenen. Die Qualität des Sounds ist besser geworden, genau wie die Performance vor dem Publikum. Ich versuche, meine Leidenschaft auf meine Kollegen zu übertragen, sie demnach damit anzustecken.

Wie zufrieden sind Sie mit der Tournee?

Gimeno Ich empfinde sie als sehr angenehm und als sehr kontrastreich. Wenn man in Hannover, Düsseldorf oder Hamburg auftritt, ähnelt sich die Stimmung immer ein bisschen. Wenn man dann aber in Ljubljana oder in Istanbul spielt, sind die Kontraste, auch was die Kultur anbelangt, schon größer. Das bringt jedem etwas als Künstler, aber auch einfach als Mensch. Es ist in keiner Weise Urlaub, weil es nämlich sehr anstrengend ist, jeden Tag zu reisen und jeden Abend in einer anderen Stadt aufzutreten. Das ist auch physisch anspruchsvoll. Auf der anderen Seite bringt eine solche Tour wirklich unglaublich viel Freude. Es ist schon etwas sehr Besonderes, man ist nicht im Urlaub, arbeitet aber auch nicht in einem Büro. Das ist mit vielen Emotionen verbunden. Diese vielen Kontraste, diese ganzen Städte und diese ganzen Kulturen… Das Ambiente ist wundervoll.

Ist es eine Herausforderung, an einem solchen Ort zu spielen? Es ist ja das einzige Open-Air-Konzert dieser Tour…

Gimeno Es ist tatsächlich anders. Aber dieser wunderbare Ort ist auch sehr inspirierend. Der Akustik hat mich übrigens überrascht, sogar wenn man etwas weiter oben sitzt, klingt es immer noch ziemlich gut. Der Sound wird gut projiziert, aber es ist natürlich keine Konzerthalle.

Sind Sie vor Konzerten eigentlich noch aufgeregt oder nervös?

Gimeno Nein, überhaupt nicht. Oder sagen wir es so: Ich bin aufgeregt, erneut live Musik für ein Publikum zu spielen. Das braucht man auch: nicht Nervosität, aber Aufregung, das, was wir tun, mit einem Publikum zu teilen. Es ist ja auch überall anders. je nach Land und Stadt. Der Applaus ist anders. Sogar die Stille ist anders. Und jetzt freue ich mich darauf, die letzte Geschmacksrichtung dieser wunderbaren Reise zu kosten.