BARTRINGEN
JEFF KARIER

Fred Baus, Manager des Startups „realab“, über die „Virtual Reality“-Filmsoftware „Virtelio“

Der Verbrecher jagt durch den Tunnel, die Waffe im Anschlag. Dann kommt eine Biegung. Nach links geht es in den Abgrund, nach rechts ragen Klippen auf. So oder ähnlich könnte das Szenario für einen „Virtual Reality“ (VR)- Film aussehen.

Seit den Zeiten der Brüder Lumière hat sich die Produktion von Filmen durch den technologischen Fortschritt enorm verändert. Mit „Virtual Reality“ steht der nächste Schritt in der Entwicklung des Films an. Streifen wie „EWA“, „Allumette“ und „Notes on Blindness: Into Darkness“ zeigen bereits das Potenzial dieser neuen Form von Film. Das luxemburgische Startup „realab“ entwickelt aktuell eine Software, die die Produktion solcher Filme noch einfacher machen soll.

Ein Teil der Geschichte sein

Einen Film nicht nur schauen, sondern erleben: Daran arbeitet das junge Startup, das die Software „Virtelio“ zur Produktion von „Virtual Reality“-Filme entwickelt hat, an der bereits große Namen der Unterhaltungsindustrie interessiert sind. Die ersten Überlegungen für „Virtelio“ gehen laut „realab“-Manager Fred Baus auf Bernard Michaux, Filmproduzent und Mitgründer von „realab“, zurück, der einen VR-Film drehen, dabei aber etwas Neuartiges machen wollte.

Die Idee hinter der Software sei es, eine Geschichte mit mehreren Verläufen erzählen zu können, ohne dabei durch Überblenden oder „Multiple Choice“-Fragen gestört zu werden. „Virtual Reality ermöglicht eine tiefgreifende Immersion, die nicht gebrochen werden soll. Wir wollen, dass der Nutzer sich natürlich verhält und unbewusst Einfluss auf den Verlauf der Geschichte nimmt“, erklärt Baus das Konzept.

Freiraum für Kreativität

„Die Benutzeroberfläche des Programms ist sehr einfach gehalten, damit sich die Produzenten komplett auf den kreativen Prozess des Filmemachens konzentrieren können, ohne sich Gedanken über die Technik machen zu müssen“, erklärt Baus. Auf dem Storyboard können die verschiedenen Szenen angelegt und untereinander verbunden werden, um die verschiedenen möglichen Verläufe der Handlung festzulegen. „Anschließend zieht man die entsprechenden Videodateien auf die einzelnen festgelegten Szenen.“ Mit „Virtelio“ sei es so möglich, relativ komplexe Geschichten zu erzählen, die je nach Aktion des Nutzers innerhalb des Film anders verlaufen können.

Unbewusste Interaktion

Eine Besonderheit an dem Programm ist die Art, wie der Nutzer die Geschichte mit seinem Verhalten vorantreibt: „In den einzelnen Szenen kann man mehrere Hotspots setzen die, je nach Blickrichtung, zur nächsten Szene führen.“ Position und Größe sind je nach Bedarf anpassbar. So könne man auch einen Hotspot setzen, der, wenn der Nutzer knapp eine Sekunde auf diesen vordefinierten Punkt schaut, etwa das Gesicht einer Person, die nächste Szene auslöst. Weitere Arten von Hotspots seien möglich, um bei der Erzählung der Geschichten noch mehr kreative Freiheit zu ermöglichen. Hierzu zählt etwa die Reaktion auf ein Geräusch durch die Bewegung des Kopfes.

Es gibt bereits Beta-Tester, professionelle VR-Unternehmen, die die Software ausprobieren. Das ist zum einen das spanische Unternehmen „Future Lighthouse“ das unter anderem die VR-Projekte „Tomorrow“, oder „Ray“ entwickelt hat. Zum anderen „WeMakeVR“ aus Amsterdam, die in Zusammenarbeit mit Samsung und der „Unity“-Engine einen Film über Sicherheit im Straßenverkehr fertiggestellt und bereits Musikvideos und Konzerte in VR produziert hat. In einer zweiten Betatest-Phase würden dann auch „Yahoo“ und „Sky“ die Software testen und für weiteres Feedback sorgen.

Vorschau mittels Smartphone

Wenn auf dem Storyboard die einzelnen Sequenzen verbunden und die Hotspots definiert sind, kann man das Produkt als Vorschau exportieren und aufs Smartphone laden. „In der aktuellen Version ist die Vorschau nur auf Android-Smartphones möglich.“ Geplant sei jedoch, diese auch für Apple-Produkte zu ermöglichen. Der endgültige Export laufe allerdings über „realab“ selbst. Das fertige Produkt wird über die Software an das Unternehmen geschickt, das sich dann um die abschließende Bearbeitung kümmert. Der endgültige Film soll dann nicht nur für Smartphones funktionieren, sondern auch auf den gängigen VR-Brillen wie „HTC Vive“ oder „Oculus Rift“.

In knapp zehn Monaten zur Marktreife

Marktreife erlangen soll die Software bereits im Februar 2017 und das nach lediglich knapp zehn Monaten Entwicklungszeit. Etwa zeitgleich soll dann auch der Kurzfilm von Olivier Pesch, der momentan noch den Arbeitstitel „Next“ trägt und Auslöser für die Entwicklung von „Virtelio“ war, veröffentlicht werden. „Dann können sich interessierte Firmen ein konkretes Bild von den Möglichkeiten unserer Software machen“, erklärt Baus voller Vorfreude. Eines dieser Unternehmen ist, wie Baus erzählt, „Twenty-First Century Fox“, die auf dem „Web Summit“, einer Technologie-Konferenz, in Lissabon auf „realab“ aufmerksam geworden sind. Und nach einer erfolgreichen „Seed Round“ seien nun weitere Investoren auf das Unternehmen aufmerksam geworden und hätten Interesse signalisiert.

Demnächst steht der Umzug des jungen Unternehmens in den „Technoport“ in Esch/Belval an sowie der Ausbau des Teams. „Wir planen die konsequente weitere Entwicklung von „Virtelio“ und überlegen, wie wir die Filme möglichst einfach einem breiten Publikum zugänglich machen können. Auch dazu haben wir bereits eine ganze Reihe von Ideen, die wir in den kommenden Monaten testen werden“.