LUXEMBURG
SVEN WOHL

Der Berg ungelesener Bücher wächst und wächst - Manch einer möchte ihm auch nicht Herr werden

Gerne wird einem vermittelt, dass man möglichst viel zu lesen hat. Die Vorteile liegen auf der Hand: Nicht nur kann man seine Sprachkentnisse verbessern, auch mit Blick auf Bildung und Empathie kann Literatur teils Unglaubliches leisten. Doch für Vielleser stellt sich oft die Frage: Wie soll man bloß mit dem Stapel ungelesener Bücher klar kommen? Denn jedes Mal, wenn man wegsieht, scheinen sich die Wälzer zu vermehren. Wir haben uns umfragt.

Von Bergen in Wäldern

Alleine darauf angesprochen, wie umfangreich der Bücherberg ist, fallen die Antworten  ganz unterschiedlich aus. „Der Bücherberg aus ungelesenen Büchern versteckt sich im größeren Bücherwald, so dass ich gar nicht weiß, wie groß er ist“, gibt Jean B. zu. Er gehört zu jenen, die beim Bücherkauf ganz gezielt vorgehen: Autoren, die er kennt, oder von denen er Gutes gehört hat, gehen vor. Auch jene, die ein Genre geprägt haben, kommen da ganz gut. Andere, wie Fabienne K., konzentrieren sich auf eine einzige Untergattung. In ihrem Fall sind es Manga, die sie in jeder Sprache kauft, die sie kann - was natürlich nicht von Vorteil ist, wenn der Berg nicht anwachsen soll. Dass der Überblick schnell verloren geht, ist schnell klar. Cosimo S. schreibt, dass neben den Regalen mittlerweile auch der Bürotisch und selbst der Wäschekorb belagert ist. Bei Tami S. sind die 20 Bücher, die sie gerade liest und „greifbar“ haben möchte, überall verteilt. Die anderen sitzen dagegen brav in ihren Regalen. Nur, wie konnte es so weit kommen? Anne B. hat da eine ganz einfache Antwort parat: „Man kauft nie nur ein Buch. Ich denke, jeder Bücherwurm kennt das.“ Für einige Gesprächspartner ist die Gewohnheit des vielen Bücherkaufens während der Zeit auf der Universität gekommen. Bob R. kauft die Bücher nicht nur für sich, sondern auch für den Nachwuchs. Insgeheim hofft er, dass die Kleinen irgendwann die Bücher für sich entdecken. Für Mangasammler wie Fabienne K. spielen aber noch andere Faktoren eine Rolle: „Ich muss zugeben, dass ich viel von den sozialen Netzwerken beeinflusst werde. Auf Instagram posten viele ihre Manga- oder Buchkäufe, und dann kriege ich auch Lust, neue Titel zu kaufen.“

Ganz gelassen bleiben

Die Preisfrage lautet natürlich: Wie soll man das alles wieder in den Griff bekommen? Da wird schnell klar, dass die Situation nicht für jeden Leser ein Problem darstellt. „Ich fühle mich wohl mit meinem Bücherberg“, meint Anne B. Sie möchte der Sache nur nach und nach Herr werden. Fabienne K. möchte den Einkauf ein wenig drosseln und sich vor allem auf Serien konzentrieren, die ihre Favoriten sind. Listen sollen ihr bei der Organisation helfen. Mehr Lesen hilft natürlich auch.

Andere finden sich mit ihrem Schicksal einfach ab. „Bücher lesen und Bücher kaufen sind zwei unterschiedliche Sportarten“, gibt Jean B. zu bedenken. Ungelesene Bücher im Regal zu haben sei keine ungesunde Sache, so lange das Bücherregal sich vergrößern lässt und die Brieftasche gelegentlich wieder aufgefüllt wird. Manche Bücher müssen eben Jahre auf ihren Einsatz warten.

Debbie R. greift auf rabiatere Methoden zurück, um wieder für Platz zu sorgen: Sie spendet Bücher an Bibliotheken oder gibt sie im Bekanntenkreis weiter. Cosimo S. geht dagegen digitale Wege, denn bei einem E-Reader kann man die digitalen Lager nicht so leicht sehen. Immerhin hätte ihm der Lockdown auch etwas mehr Zeit zum Lesen verschafft. Bob R. sieht es ähnlich gelassen, wie die anderen: „Ich finde es schön zu wissen, dass es noch viele schöne Bücher gibt, die darauf warten, entdeckt zu werden, sowohl durch mich als auch durch meine Kinder oder jemand anderen, dem ich das eine oder andere Buch aus meiner Sammlung ausleihe oder schenke.“

Auch Gérard K. hat eine eher realistischere Perspektive auf das Ganze: „Ich nehme mir immer wieder vor, mir mehr Zeit zum Lesen zu nehmen, aber realistisch betrachtet wird daraus, wie bei vielen anderen Dingen auch, nichts. Dafür nutze ich dann eben Momente, um ein wenig runterzukommen und digital detox zu betreiben um mich durch ein Buch weiterzuarbeiten oder eine Kurzgeschichte zu lesen.“