LUXEMBURG
ANNETTE DUSCHINGER

Nach der Quantität kommt nun die Qualitätsoffensive in der Kinder- und Jugendbetreuung

Nachdem der Regierungsrat am Freitag die letzten Abänderungen vornahm, kann es nun losgehen mit der Qualitätsoffensive bei der Betreuung von 0- bis 30-Jährigen. Eingebettet ist sie in die Reform des Jugendgesetzes, die Bildungsminister Claude Meisch (DP) gestern vorstellte. „Der Betreuungssektor wird neu ausgerichtet und erhält Zielsetzungen, Kontrolle und Transparenz“, sagte Meisch.

Von einem „Paradigmenwechsel“ sprach er dabei, denn allein zwischen 2009 und 2014 haben sich die Betreuungsplätze für 0- bis 12-Jährige zahlenmäßig verdoppelt. Wie die Qualität gesichert werden kann, sei nun das Anliegen der Reform. Ein Paradigmenwechsel aber auch im politischen Ansatz: „Wir wollen von einem quantitativen Ausbau der Betreuung, um Frauen die Berufstätigkeit zu ermöglichen, hin zur Förderung vom Kind und mehr Chancengerechtigkeit.“ Denn die ersten drei Jahre seien die wichtigsten für die Entwicklung des Kindes. „Wir begreifen auch die so genannte non-formale Bildung außerhalb der Schulprogramme als Teil des öffentlichen Bildungsauftrags.“

Viele verschiedene pädagogische Ansätze sind erwünscht

Die rein strukturellen Voraussetzungen, die man erfüllen muss, um eine Genehmigung zur Kinderbetreuung zu erhalten, wie Raumgröße oder Personalschlüssel werden nun um qualitative Kriterien ergänzt: Drei nationale Referenzrahmen für die Null- bis Dreijährigen, die Schulkinder und Jugendliche legen die Zielsetzungen fest. Im Drei-Jahres-Rhythmus werden sie angepasst. „Wir streben eine dauerhafte Qualitätsentwicklung an“, machte Meisch deutlich.

Aufgrund des Referenzrahmens muss nun jede Struktur, ob mit dem Staat konventioniert, kommerziell oder Tageseltern, ein pädagogisches Konzept ausarbeiten. Diese können und sollen auch variieren. „Wir wünschen uns viele verschiedene Angebote für die sozio-kulturell verschiedenen Familien und Kinder.“ In einem Logbuch soll jeden Tag dokumentiert werden, wie das Konzept umgesetzt wurde. Diese Transparenz sei ein wichtiges Element für die Qualitätskontrolle durch die 27 speziell ausgebildeten Kontrolleure des Ministeriums, aber auch durch die Eltern, sagte Meisch. „Wir wollen, dass Eltern als Partner impliziert werden. Und wir wollen weg von der Frage, ob Kinder besser in der Tagesstätte oder in der Familie erzogen werden - hin dazu, wie Familie und Tagesstätte am besten zusammenpassen.“

Wer sich nicht an die Vorgaben hält,wird von Cheque-service ausgeschlossen

Vorgeschrieben werden nun auch obligatorische Weiterbildungen von 32 Stunden innerhalb von zwei Jahren. Das ist das Doppelte von dem, was in Schulen vorgesehen ist. Wer sich nicht an den Referenzrahmen und an sein Konzept hält, wird vom System der „Chèque-service“ ausgeschlossen. Und das kann dann durchaus fatal sein, denn in Zukunft rechnen die Betreuungsstrukturen nicht mehr direkt mit dem Staat ab, sondern finanzieren sich ausschließlich über die Dienstleistungsgutscheine der Eltern.

Die stehen in Zukunft dann auch Grenzgängerfamilien zu. „Das legt die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs nahe und wir wollen es nicht darauf ankommen lassen, verurteilt zu werden“, sagte Meisch. Man müsse abwarten, wie sich das auf die Nachfrage auswirkt. 20 Prozent der Grenzgängerkinder zwischen Null und drei Jahren und zehn Prozent der Kinder im Schulalter könnten künftig davon Gebrauch machen, schätzt man die Lage ein.

Weitere Neuerungen bei den „Chèque-service“: Für Musik- und Sportaktivitäten werden sie abgeschafft, weil sie nicht in den Rahmen der Qualitätssicherung passen. Und genau wie beim Kindergeld auch wird aus praktischen Gründen der Rang der Kinder abgeschafft - jedes Kind erhält dieselben Leistungen, wobei es für die ganze Familie betrachtet nicht teurer werden soll. Das Gesetz soll noch vor dem Sommer verabschiedet werden. Dann wird der Referenzrahmen von einer breit aufgestellten Kommission ausgearbeitet, in der verschiedene Ministerien sowie Anbieter und Eltern vertreten sind. Im Herbst 2016 soll es dann mit diesem ersten Schritt losgehen. Zweite und dritte Schritte sind dann die kostenfreie multi-linguale Sprachförderung im Vorschulbereich und im untersten Zyklus der Grundschule.