LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Illustratorin und Puppenspielerin Annick Sinner über ihre Projekte in Corona-Zeiten

Annick Sinner ist entspannt, und sie lacht. Sie lacht sogar richtig viel, als wir uns an diesem Nachmittag am Telefon mit ihr unterhalten. Wie die meisten von uns verbringt auch sie ihre Tage momentan zuhause, was ihr aber die Möglichkeit gibt, Projekte anzugehen, die ihr bereits lange vorschwebten, wozu aber bislang einfach die Zeit fehlte.

Wer ist eigentlich Annick Sinner? Nun, Puppenspielerin, Illustratorin, Lehrerin im Cycle 1, Mutter einer Tochter und verheiratet mit Eric Falchero. „Mein Mann ist ebenfalls im schulischen Bereich tätig und auch sehr kreativ, deshalb haben wir jetzt ein gemeinsames Projekt in Angriff genommen. Eigentlich hatten wir das schon länger vor, da er aber auch sehr beschäftigt und viel unterwegs ist, hat es bislang nicht geklappt“, erklärt Annick Sinner. Seit kurzem füttern die beiden ihren eigenen YouTube-Channel „Schkabetti“ täglich mit Videos, in denen der Fokus auf luxemburgische Sprüche oder Lieder gerichtet wird. „Ich male die Bilder und Eric vertont das Ganze mit Musik. Während wir kreativ sind, erledigt unsere Tochter ihre Hausaufgaben. So haben wir unseren regelmäßigen Tagesablauf, der uns beschäftigt. Das ist im Moment wichtig, man kann nicht nur auf der Couch sitzen, sonst würde man deprimieren“, meint sie. Langeweile kennt man im Hause Sinner/Falchero derzeit jedenfalls nicht. „Im Gegenteil, ich habe gestern sogar schon gesagt, wir müssten vielleicht am Wochenende, wirklich Wochenende machen“, lacht die Künstlerin.

Von „Schkabetti“ bis „Live aus der Stuff“

Schkabetti? „Als unsere Tochter klein war, hat sie statt Spaghetti immer Schkabettien gesagt, daher dieser Name“, erklärt Annick Sinner und lacht wieder. Bisher kann man sich auf dem YouTube-Kanal „Sëtzt en Äffchen op der Träppchen“, „Bam, wou sinn deng Blieder“, „Den Ouschterhues“ und „Eng Geess, déi leeft de Bierg erop“ anschauen. Das Ganze richtet sich an kleine Kinder und dient nicht nur der Unterhaltung, sondern hat auch einen pädagogischen Sinn. „In diesem Fall geht es darum, die luxemburgische Sprache zu fördern und den Kindern auch die traditionellen Sachen näherbringen“, erfahren wir.

Auch bei der Facebook-Initiative „Live aus der Stuff“ ist die Puppenspielerin mit von der Partie. Am Samstag bietet sie das Objekttheaterstück „D´Prinzessin op der Ierz“. „Die Figuren und die Bühne habe ich aus Holzlatten und einer alten Weinkiste gebastelt. Ich werde das Märchen der Gebrüder Grimm wirklich ganz klassisch und einfach für kleine Kinder erzählen. Normalerweise reise ich damit in Schulen, Kinderkrippen oder zu Büchertagen“, erzählt sie. Ihren Beruf als Lehrerin übt Annick Sinner übrigens nur halbtags aus. „Die andere Hälfte gehört der Kunst“, unterstreicht sie. Und das soll auch so bleiben. „Bei einer Ganztagsstelle in der Schule würde mir etwas fehlen, dann würde ich bestimmt zu einer frustrierten Lehrerin mutieren. Ich brauche ein paar Tagen in der Woche, um meine Kreativität voll auszuleben. In der Schule geht es ja darum, jene der Kinder rauszukitzeln und sich selbst in den Hintergrund zu stellen, was ich auch sehr mag“, bemerkt sie.

Suche nach neuen Bühnen

„Anders als viele Künstler bin ich zum Glück jetzt nicht im Fall, kein Einkommen zu haben. Vielleicht kann ich gerade deshalb auch richtig kreativ sein, weil mir die Sorge doch etwas von den Schultern genommen ist, am Ende des Monats nichts auf dem Konto zu haben“, gibt sie zu bedenken. Aus diesem Grund begrüßt sie Initiativen wie „Live aus der Stuff“, die es Künstlern erlaubt, in dieser schweren Zeit doch noch Bühnen zu finden. „Für mich ist es allerdings eine Herausforderung, weil ich in diesem technischen Schnickschnack eine echte Katastrophe bin, ich muss mich wirklich sehr überwinden und hoffe, dass ich das am Samstag auch wirklich hinbekomme“, sagt sie und bricht wieder in Lachen aus. „Ich bin eben die Handwerkerin, die Sachen in die Hand nehmen muss“, fügt sie hinzu.

Als Künstlerin musste aber auch sie Projekte auf Eis legen. „Ich hätte jetzt mit ,Toile Si-Re‘, das ist eine Asbl, die ich mit der Saxofonistin Nadine Kauffmann gegründet habe, Auftritte mit unserer ,Maus Kätti‘ gehabt. Außerdem haben wir gerade angefangen, ein neues Projekt auszuarbeiten, das jetzt brachliegt, weil wir dazu wirklich nebeneinander sitzen und aufeinander reagieren müssen. Das geht nicht über den Computerbildschirm“, bedauert sie.

Vom Illustrieren zum Objekttheater

Bevor sie das Figurentheater für sich entdeckte, war sie bereits als Buch-Illustratorin tätig. Autodidaktin? „Ja, ich habe zwar im Lyzeum eine Kunstsektion besucht, danach aber ganz traditionell das Iserp für die Lehrerausbildung. Gemalt habe ich immer schon. Der Beruf Kindergartenlehrerin hat mir deshalb so zugesagt, weil man da mit viel Kreativität arbeiten kann“, antwortet sie. „Edgar der Rabe“ von Jean-Paul Endré war das erste Buch, das sie bebilderte. Dadurch wurde Guy Rewenig auf sie aufmerksam, für den sie anschließend eine ganze Reihe Bücher illustrierte. Weitere Buchprojekte folgten.

„Kleine Kinder sind meine Zielgruppe, gerade auch im Objekttheater, da fühle ich mich total wohl. Ich weiß, wie sie ticken und welche Bedürfnisse sie vom Sprachlichen oder von den Interessen her haben“, verdeutlicht sie. Wie ist sie überhaupt beim Figurentheater gelandet? „Das hat auch mit der Schule zu tun. Zuhause male ich Bücher, und in der Schule erzähle ich Geschichten. Irgendwie war es ein ganz natürlicher Übergang, weil immer weniger Kinder Luxemburgisch verstehen, deshalb habe ich angefangen, Objekte zur Hand zu nehmen, um die Erzählungen lebendiger zu gestalten. Und ja, dann war es auf einmal Objekttheater. Los ging es dann ganz klein, als ich von einem Freund den Auftrag bekam, beim ,Wanterfeeling‘ in Sassenheim eine Geschichte zu erzählen. Da ich mich aber überhaupt nicht gerne einfach so vor fremde Leute stelle und rede, habe ich eine Rotkäppchen-Puppe gebastelt, um etwas in der Hand zu haben. Ich habe mich dann ein bisschen weitergebildet und vieles ausprobiert. Mit diesem ersten Stücke reise ich übrigens nach wie vor durchs Land“, erzählt sie.

Am Anfang ist immer das Material

„Für mich ist das Material immer ganz wichtig“, antwortet die Künstlerin, als wir fragen, wie die Figuren und die Geschichten entstehen. „So war die Weinkiste ausschlaggebend für ,D‘Prinzessin op der Ierz‘, und für Schneewittchen war es die Nähkiste meiner Großmutter. Für ,De Wëllefchen an de Fiischen‘ lieferte ein ganz hässlicher Schal mit einem Fuchs von meiner Oma die Idee. Auf der Bühne haben wir den Fuchs und den Wolf als Schal um den Hals hängen, und der Kopf lässt sich dann als Handpuppe bewegen. Es ist oft das Material, das mich zu einer Geschichte inspiriert“, führt sie weiter aus.

Abschließend konfrontieren wir Annick Sinner dann noch mit einer rund 15 Jahre alten Aussage, die wir auf der FGIL-Webseite aufgestöbert haben: „Ech schaffen op Kommando, a wa kee mech ustellt, geschitt näischt!“. Und da bricht sie wieder prustend in Lachen aus: „Das hat sich inzwischen gebessert. Mit der Zeit habe ich dann doch gelernt, dass man auch etwas machen kann, wenn man keinen Auftrag hat.“ Eines steht am Ende unseres Gesprächs jedenfalls fest: Wir haben sie gefunden, die eine, die immer lacht.

„Annick Sinner live aus der Stuff“ am 28. März um 20.00: www.facebook.com/liveausderstuff - Zum YouTube-Kanal Schkabetti: tinyurl.com/Schkabetti