LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Welche Bedeutung Beethoven für den Pianisten Jean Muller hat

Wenn Pianist Jean Muller über Ludwig van Beethoven spricht, gerät er regelrecht ins Schwärmen. Der Komponist, der am 17. Dezember 2020 seinen 250. Geburtstag feiert, fasziniert ihn immer wieder aufs Neue, wie er uns im Interview verrät. „Beethoven kann man nicht genug würdigen“, sagt Muller und freut sich, dass sein Werk nun im Jubiläumsjahr ganz besonders gewürdigt wird. Bereits in den Jahren 2007 bis 2009 hat der luxemburgische Ausnahmekünstler alle Sonaten von Beethoven einstudiert und damals erstmals im Ettelbrücker CAPE gespielt.

Warum wollten Sie so tief in das Werk dieses Komponisten eintauchen?

Jean Muller Die Faszination für Beethoven geht eigentlich bereits auf meine Kindheit zurück. Er ist eine Persönlichkeit, die mich stets beeindruckt hat, und nicht nur mich, eine gewisse Begeisterung wird ja immer wieder neu für diesen Komponisten entfacht. Das energische Interesse, das man seiner Musik und auch seiner Gedankenwelt jetzt zu seinem 250. Geburtstag entgegenbringt, ist fantastisch. Bereits mit 13 Jahren habe ich mich übrigens in dieses Projekt lanciert, hatte mir also vorgenommen, alle Sonaten zu spielen. Im ersten Anlauf ist mir das aber nur teilweise gelungen. Als ich das Studium dann beendet hatte, habe ich kein Hindernis mehr gesehen, diesen Lebenstraum sozusagen zu verwirklichen und mich ganz ausführlich mit seinem Klavierwerk zu beschäftigen.

War es eine Herausforderung?

Muller Definitiv, und zwar in allen Hinsichten. Erstens ist es rein pianistisch, also manuell sehr schwer, und dann ist es natürlich auch interpretatorisch eine große Herausforderung. Beethoven hat als Komponist nie Musik geschrieben, nur um den Raum zu füllen. In seinen Stücken steckt extrem viel Substanz. Das fordert den Interpreten immer wieder aufs Neue heraus.

Wie geht man ein solch epochales Klavierwerk an?

Muller Nun ja, so als würde man einen Berg hochsteigen, immer einen Fuß vor den anderen setzen. So habe ich dann eine Sonate an die andere gereiht und einstudiert. Die Arbeit ist an sich nicht abgeschlossen, ich arbeite weiter daran. Gerade spiele ich ja auch wieder viel Beethoven, in den nächsten Jahren will ich mich noch verstärkter mit ihm auseinandersetzen. Ich merke, dass die zehn bis fünfzehn Jahre, die seither vergangen sind, meinen Blick auf sein Werk noch einmal geändert haben.

Setzen Sie sich in diesen Momenten auch mit der Person auseinander oder rein mit den Partituren?

Muller Das eine geht quasi nicht ohne das andere, obwohl man aus seinen Partituren bereits viel herauslesen kann. Ein Aspekt von Beethoven, der übrigens meiner Ansicht nach erklärt, warum er die Menschen auch heute noch so fasziniert, ist sein absoluter Willen zur Freiheit. Dieser drückt sich auf verschiedene Arten aus. So hat er etwa stets sämtliche gesellschaftlichen Schranken für sich abgelehnt. Da gibt es ja diesen berühmten Satz, den er einst wutentbrannt an einen Fürsten gerichtet hat, weil dieser Napoleon huldigen wollte: „Fürsten hat es und wird es noch Tausende geben, aber Beethoven gibt es nur einen“. Für sich selbst hat er in der Tat nur eine geistige Aristokratie akzeptiert. Dahinter steckte die Überzeugung, dass jeder Mensch gleich sein sollte, unabhängig von irgendwelchen gesellschaftlichen Aspekten. Und das ist ein Narrativ, das auch heute noch topaktuell ist.

Hat man denn genügend Interpretationsfreiraum bei solchen Werken?

Muller Absolut. Die Botschaft, die drinsteckt, ist relativ universal, aber jeder sieht sie leicht anders. Obwohl Beethoven extrem genau notiert, wahrscheinlich ist er sogar der erste Komponist in der Musikgeschichte, der wirklich vieles ganz penibel bis ins letzte Detail festlegt, bleibt dennoch vom Ausdruck her, den man reinbringen kann, immer noch viel Freiraum.

Interpretieren Sie die Sonaten heute anders als noch vor zehn Jahren?

Muller Wenn man etwas ständig wiederholt, ist es keine Kunst mehr, dann holt man es lediglich aus der Konserve hervor. Sicherlich hält man sich an Richtlinien, dennoch entwickelt man sein Spiel ständig weiter, besonders in den Details. Etwa bei seiner letzten Klaviersonate, Opus 111, findet man immer wieder neue Möglichkeiten, sich auszudrücken. Je mehr man sich persönlich weiterentwickelt, desto mehr geht man in die Tiefe dieser Werke. Dazu braucht man eine gewisse Reife. Ich will Beethovens Sonaten gerne noch einmal einstudieren, weil ich nämlich den Eindruck habe, dass mir diese Werke noch etwas zu sagen haben.

Haben Sie eine Lieblingssonate?

Muller Das schwankt. Ich bin immer wieder überrascht, wie einzigartig jedes Stück für sich dasteht. Es gibt wohl Werke, die mich in verschiedenen Epochen meines Lebens mehr oder manchmal weniger angesprochen haben. Vor 20 Jahren war ich sehr fasziniert von der Appassionata, heute begeistert mich das Opus 111 besonders. Letzten Endes empfinde ich es einfach als unglaubliche Chance, dass wir diese Werke haben, und ich fühle mich privilegiert, sie spielen zu können. Was man hinsichtlich Beethoven nicht oft genug betonen kann, ist, dass er seine allergrößten Werke zum Schluss geschrieben hat, als er nichts mehr gehört hat. Sein inneres Ohr war extrem stark ausgebildet. Außerdem war er sehr lange depressiv, besonders in der Zeit nach dem Wiener Kongress. Trotz Depression und Taubheit sind ihm solch fantastischen Werke wie die 9. Sinfonie gelungen. Das ist einzigartig.

Sie haben sich inzwischen mit vielen anderen Komponisten in längeren Zyklen beschäftigt, Beethoven hat für Sie aber nie an Wichtigkeit verloren?

Muller Ich habe ihn nie vergessen, nur manchmal eine Pause eingelegt, was aber nicht bedeutet, dass mich seine Musik nicht trotzdem ständig begleitet hätte, zum einen in meiner Freizeit - ich höre gerne Beethoven, immer wieder - und zum anderen natürlich in meiner Aktivität als Pädagoge, indem ich die Werke an die junge Generation vermittle. Da lernt man übrigens auch einiges, weil man sich auf eine andere Art mit dem Werk beschäftigen muss. Als junger Interpret ist man oft ganz intuitiv, mit der Zeit lernt man analytischer an Stücke ranzugehen, man versucht die Hintergründe zu verstehen und nicht nur das Werk per se zu betrachten.

Welche Konzerte haben Sie jetzt im Rahmen des Beethoven-Jahres geplant?

Muller Im Herbst, also näher am eigentlichen Geburtstag, bin ich mit einem Programm unterwegs, das die letzten drei Sonaten von Beethoven beinhaltet. Ich werde in Berlin in der Philharmonie und in Wien im Musikverein spielen. Am 30. November gebe ich ein Konzert in der Philharmonie in Luxemburg. Mit dem Rotary Club Esch ist noch dazu jetzt im März eine grenzüberschreitende Initiative mit Kammermusik geplant.

Wie bereiten Sie sich eigentlich auf Konzerte vor?

Muller Darüber denke ich tatsächlich viel nach. Eine besondere Rolle spielt die Lebenshygiene in den Tagen vor dem Konzert. Alles, was man macht, was nicht vernünftig ist, wirkt sich indirekt auf die Qualität des Denkens aus. Ernährung ist ebenfalls ein Thema. Genügend Schlaf ist wichtig. Für mich gehört auch Meditation dazu. Ansonsten soll man in dieser Zeit aber nun auch nicht total von seinem normalen Lebensrhythmus abweichen. Am Tag des Konzerts schlafe ich mittags immer kurz.

Hören Sie sich auch Konzerte oder Aufnahmen anderer Interpreten an?

Muller Während meiner Recherchen gehört das unbedingt dazu. Dank der tollen Möglichkeiten, die es heute gibt, ist das ja auch relativ einfach. Ich bin fast immer am Querhören. Nicht um irgendjemanden zu kopieren, sondern um zu sehen, wie andere Künstler über ein bestimmtes Werk denken. Das schärft den eigenen Blick. Unter Umständen entdeckt man sogar etwas, auf das man selbst nicht gekommen wäre, das dann aber hilfreich sein kann, um eine musikalische Idee davon zu bekommen, wie man eine Phrasierung oder einen Bedeutungszusammenhang erschafft.

Brauchen Sie gelegentlich eine Auszeit von der Musik?

Muller Ich halte es für extrem gesund, manchmal zumindest etwas langsamer zu treten. Das heißt in meinem Fall aber nicht, dass ich überhaupt keine Musik hören würde, es kommt aber vor, dass ich zwei bis drei Wochen nicht spiele. Wenn ich mich dann zurück ans Klavier setze, habe ich noch mehr Lust zu spielen und meine Ohren sind wieder frischer. Das ist allerdings etwas, was ich meinen Schülern nicht unbedingt empfehle (lacht). •