LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Keine Quarantäne bei einzelnem Covid-Fall in einer Schulklasse - Sonderurlaub erweitert

Bei einem isolierten Infektionsfall gilt die Maskenpflicht im Klassensaal, wird die Klasse isoliert und ab dem 6. Tag zum Test gebeten Foto: Shutterstock  - Lëtzebuerger Journal
Bei einem isolierten Infektionsfall gilt die Maskenpflicht im Klassensaal, wird die Klasse isoliert und ab dem 6. Tag zum Test gebeten Foto: Shutterstock

Für Bildungsminister Claude Meisch (DP) sind alle Ungereimtheiten geklärt und die Prozeduren geregelt. Zusammen mit Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) trat der liberale Minister nach dem zweiten Ministerrat in dieser Woche gestern Nachmittag vor die Presse, um Klarstellungen zum Anfang des Monats vorgestellten Stufenmodell in der Schule zu liefern.
 Beschlossen hat die Regierung gestern, Eltern den Sonderurlaub aus familiären Gründen zu ermöglichen, wenn es in einer Klasse einen isolierten Covid-19-Fall gibt. Eine gesetzliche Anpassung in diesem Sinne hat der Regierungsrat gestern festgehalten. In diesem Fall wird den Eltern empfohlen, die sozialen Kontakte des Kindes außerhalb der Schule einzuschränken, also vorübergehend auf Vereinsaktivitäten und die Betreuung in der „Maison Relais“ zu verzichten. Auch die Lehrer erhalten in diesem, dem häufigsten Fall eines Covid-Falls in einer Klasse, Empfehlungen von der „Santé“.
Im ersten Szenario geht die Regierung davon aus, dass der Infektionsursprung außerhalb der Schule liegt. Deshalb gebe es keinen Grund, „stark einzugreifen“ und eine Quarantäne zu verhängen. Konkret: Der infizierte Schüler wird natürlich zuhause isoliert. Für alle anderen gilt permanente Maskenpflicht und eine Isolation der Klasse von anderen. In die Kantine können die Schüler dann nicht mehr. Schüler sollen in diesem Fall auch nicht mehr in den Schulbus steigen, außer, es ginge nicht anders.Im ersten von drei Fallszenarien sei es die Absicht, „alles so normal wie möglich funktionieren zu lassen“ und die Klasse trotzdem so zu behandeln „als befände sie sich in Quarantäne“, sagte Lenert. Das heißt: Ab dem 6. Tag wird die Klasse zum Test gebeten, die im Falle negativer Testergebnisse wieder in den Normalmodus wechseln kann.
Ist dem nicht so oder gibt es von Anfang zwei oder mehr positive Covid-19-Fälle in einer Klasse, wird die gesamte Klasse unter Quarantäne gesetzt. Der Unterricht funktioniert dann auf Distanz, sei es durch den eigenen oder einen anderen Lehrer. Ob der Lehrer in diesem Szenario auch unter Quarantäne gestellt wird, hänge von „Fall zu Fall“ ab, ob der Lehrer etwa auf Distanz zu den Schülern blieb beziehungsweise bei näherem Kontakt eine Maske aufhatte.

Erstes Szenario am häufigsten

Angaben Meischs zufolge sind seit dem 15. September 60 Covid-Fälle an Grundschulen im Szenario 1 und drei Fälle im Szenario 2 bekannt. In den Lyzeen gibt es vorläufigen Zahlen nach 31 Fälle, in denen ein Schüler einer Klasse positiv auf das Coronavirus getestet wurde sowie zwei Fälle im Szenario 2.
 In den Privatschulen sind für die Grundschule 13 Fälle im Szenario 1 bekannt und in der Sekundarschule vier Fälle, die auf ein Szenario 3, also eine Infektionskette hindeuten. In diesem Fall kann das Komitee „Covid-19 und Bildung“ (mit Vertretern der „Santé“ und des Bildungsministeriums) zusätzliche Maßnahmen ergreifen. Für ganze Klassen oder gar die ganze Schulgemeinschaft kann eine Quarantäne verhängt werden, systematische Tests der Schulgemeinschaft verordnet oder verschiedene Klassen vorübergehend in den Fernunterricht geschickt werden.
Die Prozedur der Teilquarantäne war bei Lehrergewerkschaften auf großes Unverständnis gestoßen. Noch gestern Vormittag bezeichnete sie der Vorsitzende der größten Lehrergewerkschaft im „Fondamental“, Patrick Remakel, als „absoluten No-Go“. In einer ersten Reaktion zeigte sich die Gewerkschaft gestern via Twitter erleichtert, dass die „halbe Quarantäne“ „vom Tisch“ sei. Offene Fragen blieben aber dennoch. Remakel hatte darauf hingewiesen, dass die Teilquarantäne anfangs nicht Bestandteil des Dreistufenmodells war. Grundsätzlich traf dieses Stufenmodell bei der Gewerkschaft auf ein positives Echo. Jedoch habe es es an präzisen Anweisungen gefehlt.  Ähnlich äußern sich andere Gewerkschaften. Sie werfen Minister Meisch vor, die Gewerkschaften lediglich zu informieren, statt tatsächlich einzubinden, was erlauben würde, Umsetzungsfragen im Vorfeld zu klären.

SNE fordert mehr Schutzvorkehrungen

Das „Syndicat National des Enseignants“ (SNE) fordert allgemein stärkere Schutzvorkehrungen in den Schulen. Doch Forderungen nach Fiebermessgeräten, CO2-Ampeln oder Raumluftreinigern habe das Ministerium abgelehnt. Das SNE hatte ebenfalls für ein spezielles „Corona-Kontingent“ plädiert, also zusätzliche Lehrkräfte, um Schüler mit Nachholbedarf während den Schulstunden zu unterstützen.
Überhaupt fordert die Lehrergewerkschaft wie andere auch zusätzliche Mittel in den Schulen, sei es durch eine Neuberechnung des Stundenkontingents oder das Einsetzen von Spezialisten im Unterricht. So moniert das SNE, dass das Arbeiten mit Kindern in den Aufgaben der neuen „Instituteurs spécialisés en compétences numériques“ (I-CN) „so nicht vorgesehen“ sei.
„Das Prinzip, dass Lehrer, auch wenn sie spezialisiert sind, mit Kinder arbeiten müssten, müsste Ausgangspunkt politischer Entscheidungen sind“, betonte Remakel. Auch würde in den Schulen eine „substanzielle Erhöhung“ der auf die Beschulung von Kindern mit spezifischen Bedürfnissen spezialisierten Lehrkräfte (I-EBS) benötigt sowie die „équipes de soutien des élèves à besoins éducatifs particuliers ou spécifiques“ (ESEB) verstärkt werden.
Weitere vergebliche Einwände des SNE zur Corona-Rentrée: Die Abstandsregeln müssten auch im Klassensaal eingehalten werden können. Falls das nicht möglich ist, sollte eine Klasse zweigeteilt werden. Kontinuierliche Tests der gesamten Schulgemeinschaft - nicht nur im „Secondaire“ - schlägt das SNE ebenso vor wie die Möglichkeit, offensichtlich kranke Schüler abzuweisen und nach Hause zu schicken.
Altbekannte Forderungen
Corona-unabhängig hat das der Staatsbeamtengewerkschaft CGFP zugehörige Syndikat gestern altbekannte Forderungen wiederholt. Die Arbeit in den vor einem Jahr eingerichteten Arbeitsgruppen zur Reduzierung des administrativen Aufwands von Lehrern, die Corona-bedingt ausgesetzt wurden, müsste wieder an Schwung gewinnen. Weiter fordert das Syndikat, die Grundschullehrerausbildung auf Master-Niveau anzuheben. Um einem „latenten Mangel“ an Lehrern entgegenzuwirken,  müsse die Universität Luxemburg mehr Kandidaten zum Studium zulassen, „ohne aber die Qualitätskriterien herabzusetzen“. Konkret stellt das SNE die Zulassungskriterien infrage.
Die Schulentwicklungspläne (PDS) sollen in diesem Schuljahr abgeschlossen und evaluiert sowie neue PDS ausgearbeitet werden. Für ein mit vielen Unbekannten gespicktes Schuljahr ein „sehr sportliches Programm“, bemerkte Remakel. Nach Ansicht des SNE-Präsidenten soll der nächste „Plan de développement de l‘établissement scolaire“ erst im nächsten Schuljahr 2021/22 ausgearbeitet werden, „dies in der Hoffnung, dass dann der Schulbetrieb wieder normal läuft“.
Die LuxDidac-Messe für didaktisches Material, der traditionelle „Rentrée“-Termin des SNE, findet derweil in diesem Jahr Corona-bedingt digital statt.
Mehr dazu unter www.sne.lu