NIC. DICKEN

Für jedes Unternehmen, für jede Verwaltung, Institution oder Vereinigung sind die Mitarbeiter das wichtigste Kapital. Mit den Menschen, die in der Produktion, in der Verwaltung oder im Dienstleistungsbereich arbeiten, steht und fällt der Erfolg jeder Operation. Immer wieder, oder besser: Immer noch hat man den Eindruck, dass diese hinlänglich bekannte Tatsache nicht so zur Kenntnis genommen wird, wie dies Fall sein müsste. Zu oft werden Mitarbeiter weniger als wertvolles und wesentliches Element der Kette angesehen, sondern gelten als lästiger Kostenfaktor, der gering gehalten wird, um eine möglichst hohe Rendite zu erwirtschaften. Dabei wird von den Mitarbeitern keineswegs nur fachliche Kompetenz verlangt, sondern sie sollen, über das selbstverständlich Erwartete hinaus, Einsatz zeigen. Alles zum Wohle des Unternehmens, des Dienstherrn, des Chefs.

Die Retourkutsche, eine der Leistung, der Verantwortung und dem Engagement angemessene Entlohnung, wird von den Betroffenen meistens schmerzlich vermisst. Oft genug haben nämlich die Mitarbeiter am unteren Ende der Lohnskala schwer darunter zu leiden, dass die von den - deutlich besser bezahlten - Vorgesetzten vorgegebenen Prozesse mangelhaft und ineffizient sind, wodurch das Betriebsergebnis nach unten gedrückt wird.

Dieses Phänomen lässt sich allerdings nicht nur in den primär auf finanziellen Ertrag ausgerichteten Wirtschaftsunternehmen feststellen, sondern findet immer mehr auch seinen Niederschlag in sozialen Berufen und Einrichtungen, wo die direkt auf die Dienste dieser Einrichtungen angewiesenen Personen quasi als Pfand genommen werden, um das Pflege- oder Beratungspersonal, ohne Rücksicht auf angemessene Bezahlung, zu möglichst hoher Empathie und Leistung anzuspornen.

Während keine Hemmungen bestehen, viel Geld in möglichst luxuriös anmutende Gebäude und technische Kinkerlitzchen zu investieren, wird im Bereich der Mitarbeiterentlohnung um den letzten Cent geknausert. Derweil sich immer mehr Leute die Dienste einer Pflegeeinrichtung aus eigener Kraft nicht mehr leisten können, fällt das aufwändig in Rechnung gestellte Pflegepersonal auf der allgemeinen Lohnskala immer weiter zurück. Dass das auf Dauer nicht mehr zusammenpassen kann, müsste eigentlich allen Beteiligten einleuchten. Tut es aber leider nicht!

Während in diesen Wochen allenthalben und in den unterschiedlichsten Farbtönungen die Forderung nach erschwinglichem Wohnraum plakatiert wird, müssen immer mehr Einwohner, die in fachlich anspruchsvollen Berufen arbeiten, ihren Wohnsitz jenseits der Landesgrenzen verlagern, um überhaupt bestehen zu können. Statt diesen Leuten gegenüber Verständnis zu zeigen, werden mit immer kostenträchtigeren Baustandards die Wohnungspreise so nach oben getrieben, dass zwangsläufig immer mehr Leute, auf deren Arbeit wir angewiesen sind, aus unserer Mitte ausgeschlossen werden. Auf diesem Gebiet kann übrigens kaum eine politische Partei nur auf andere zeigen. Aber vielleicht wird ja nach dem 8. Oktober einiges besser. Die Hoffnung stirbt zuletzt.