COLETTE MART

Im Rahmen seines „Panorama social 2015“ setzt sich die Arbeitnehmerkammer mit den sozialen Ungleichheiten und ihren Ursachen auseinander und macht Vorschläge, was politisch zu tun wäre, damit die Schere zwischen arm und reich nicht noch weiter auseinander klafft. Wer in einer abgesicherten und komfortablen Lebenssituation ist, was für viele Luxemburger zutrifft, wer lediglich mit den alltäglichen Randerscheinungen des Wohlstands, wie zum Beispiel dem hohen Verkehrsaufkommen in der Hauptstadt und der damit verbundenen Konzentration von Arbeitsplätzen konfrontiert ist, wird mit dem „Panorama social 2015“ an die ungeschminkte soziale Wahrheit unseres Landes erinnert.

In einem der reichsten Länder der Welt werden die Unterschiede zwischen arm und reich immer größer, und nach Ansicht der Arbeitnehmerkammer müssten Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ungleichheit politisch prioritär angegangen werden. Familien mit Kindern, insbesondere Alleinerziehende sind armutsgefährdet, und viele Arbeitslose leben unter der Armutsgrenze. Außerdem liegt das Armutsrisiko auch bei der arbeitenden Bevölkerung ziemlich hoch, weil der jetzige Mindestlohn nur ein äußerst bescheidenes Leben ermöglicht. Die hohen Preise für Wohnungen, die Zahl der Langzeitarbeitslosen, die begrenzten Möglichkeiten für ältere Arbeitssuchende, wieder eine Stelle zu finden, sind einige Probleme, die von der Arbeitnehmerkammer hervorgehoben werden und die die soziale Kohäsion untergraben. Des Weiteren stellt sich die Frage, in wie fern Schule und Ausbildung noch wirkliche Chancen für alle bieten, und in wie fern der soziale Aufstieg überhaupt noch möglich ist in einem Land, in dem Wohlhabende in der Politik und in der Wirtschaft recht gut vernetzt sind, und ein immer größerer Anteil der Bevölkerung auf der Strecke bleibt, was dann vielfach ein gesellschaftliches Tabu bleibt angesichts der Vielzahl von Arbeitsplätzen, die doch noch angeboten werden. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 24 Prozent, und wer nach jahrelangem sozialen Ausschluss den Sprung in die Normalität, oder den Zugang zu einer bezahlten Arbeit und ein geregeltes Leben schafft, bleibt trotzdem von seinen Erfahrungen und einem Mangel an Selbstvertrauen geprägt. In einer Gesellschaft, die also immer zweigleisiger fährt, stellt sich darüber hinaus auch noch die Frage, in wie fern man sich überhaupt noch aus bescheidenen Verhältnissen hocharbeiten kann.

Zu diesem Thema bietet der Artikel „An die Spitze gekämpft“ in der „Zeit“ diese Woche interessante Aufschlüsse. So unterstreicht zum Beispiel die Psychologieprofessorin Elsbeth Stern in diesem Zusammenhang: „Wenn Intelligenz sich nicht durchsetzt, bekommen wir Probleme. Da werden Menschen durch Schulen und Universitäten geschleust, die vielleicht einen Abschluss hinkriegen, aber trotzdem nicht kompetent sind. Gleichzeitig haben andere das Potential für ein Studium, bekommen aber keine Möglichkeit. So wird in Gymnasien und Universitäten der Grundstein dafür gelegt, dass in gesellschaftlichen Entscheidungspositionen nicht die Intelligentesten und die Kompetentesten sitzen.“ Diese Schlussfolgerung ist verheerend für die Zukunft der Industrienationen.