CORDELIA CHATON

SES-Chef Karim Sabbagh hat Recht, wenn er sagt, Luxemburg habe eine Tendenz, alle positiven Elemente zu unterschätzen. Die Natur, die Freundlichkeit der Menschen, die kurzen Wege zu Behörden, die Vielsprachigkeit, die Lebensqualität. Warum nur?

Dabei wäre es gerade jetzt gut, mehr darüber zu reden. Jedenfalls politisch gesehen. Denn der Rest der Welt steckt Luxemburg in die Schublade, die auch der einfachste Geist versteht: Steuerparadies. Da steckt es schon seit den 80er Jahren. Und auch, wenn sich seither die Finanzindustrie komplett gewandelt hat und schon lang den meisten Zaster mit Fonds verdient, dringt das nicht durch. Normal, Steuern sind leichter zu verstehen als Fonds.

Das muss auch den investigativen Kollegen von der „Süddeutschen Zeitung“ so gegangen sein, die meinten, Luxemburg sei Europas Zentrum für „Investments“. Was sie sagen wollten, war Fonds. Das wäre richtig gewesen. Aber nicht jedes Investment ist ein Fonds. Genau so wenig, wie jeder Vogel ein Huhn ist. Da sieht man schon das Ende des investigativen Journalismus. Der verschickt lieber Fragen.

Die Journalisten des LuxLeak-Coups haben drei Fragebögen verschickt, an den Premier, den Finanzminister und Juncker. Das war die investigative Leistung. Ansonsten haben sie Material, dessen Existenz seit zwei Jahren bekannt war, ins Netz gestellt. Irre investigativ, oder? Aber warum mit der konzertierten Aktion zwei Jahre warten, wo die Fakten bekannt waren? Gerade auf den Zeitpunkt, wenn Juncker frisch im Amt ist, wenn die Briten keine 90 Millionen Euro zahlen wollen und Frankreich Angst hat, dass es das nächste Griechenland wird? Nach dem Diebstahl hatte der frustrierte PwC-Mitarbeiter die Unterlagen dem französischen Fernsehen gegeben. PwC unterrichtete die französische Polizei über die vermutete Identität des Mannes. Es geschah nichts; bis jetzt. Warum? Wieso wollten die Mitarbeiter von „Le Monde“, die die Sendung von France2 sicher zur Kenntnis genommen hatten, damals nichts machen?

Wenn solche arg auffälligen Zufälle geschehen, quasi verzögerte Enthüllungen, ist die Frage, wer davon profitiert. Solche Leute finden sich in Europa. Sie finden sich aber auch auf der internationalen Ebene.

Wir leben in Zeiten der Blocks: Die EU ist ein Block, Asien - wo China die Führung will - ist ein Block. Und die USA - eventuell mit der Nafda - sind auch ein Block. Wenn drei sich streiten und einer ausfällt, freuen sich die zwei anderen. Die Europäer sind gerade dabei, sich anständige Regeln zu geben. Hoffentlich vergessen sie die Konkurrenz in Übersee nicht. Cayman Islands, die Bermudas, Nevada. Und Delaware. „Untenehmenshauptstadt der Vereinigten Staaten“ nennt sich der zweitkleinste Bundesstaat zwei Autostunden südlich von New York. Es gibt hier keine Briefkastenfirmen, weil sie gesprengt würden: 200.000 Unternehmen unter einer Adresse, das geht. Apple, Google, Daimler - sie sind alle hier. Aber kein investigativer Journalist will darauf hinweisen. Außerdem will niemand über Delaware reden. Warum nur nicht? Lieber reden wir über Luxemburg, das nach der Brandmark-Aktion jetzt ein neues Branding erhält.