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1.100 Migranten: Opfer des Schiffsunglücks von 2015 noch anonym

Die Suche nach der Identität der Opfer hat eine erschütternde Erkenntnis zu Tage gefördert: Die Zahl der Toten ist deutlich höher als bisher gedacht. Statt 800 kamen beim schwersten Schiffsunglück im Mittelmeer 1.100 Flüchtlinge ums Leben. Das bestätigten die Ermittler, die seit der Katastrophe vom April 2015 nach Angehörigen und Überlebenden in Afrika suchen.

Dass bis zu 300 Menschen verschwinden konnten, wirft ein Schlaglicht auf den versteckten Tribut der Migration. Auf einem Höhepunkt der globalen Fluchtbewegung starben oder verschwanden laut einer Erhebung der Nachrichtenagentur AP seit 2014 mindestens 62.284 Migranten. Das ist mehr als das Doppelte des offiziellen Versuchs einer Zählung, den die Internationale Organisation für Migration der Vereinten Nationen unternimmt.

Die Flüchtlinge auf dem Boot hatten ihre Reise inetwa 20 verschiedenen Ländern begonnen

Die Entdeckung macht es für die Ermittler noch schwerer, die Zusage Italiens einzuhalten, alle Toten namentlich zu identifizieren - vor allem zu einer Zeit, zu der sich Teile Europas gegen Migranten wenden.

Nach dem Untergang des Flüchtlingsboots hatte der damalige italienische Ministerpräsident Matteo Renzi versprochen, die Identitäten der Opfer zu klären. Es war eine „kurze sonnige Phase“, wie die italienische Chef-Forensikerin Cristina Cattaneo sagte.

Seitdem hat sich das politische Klima in Europa gewandelt. In Italien und anderswo sank die Bereitschaft, Überlebende zu unterstützen, geschweige denn ums Leben gekommene Migranten.

Cattaneo arbeitet in ihrem Universitätslabor in Mailand unbezahlt an dem Projekt. José Pablo Baraybar vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz sammelt die DNA von möglichen Angehörigen in Afrika. Zusammen versuchen sie herauszufinden, wer genau auf dem Schiff ums Leben kam, von dem viele Italiener heute nur als dem „Peschereccio“, dem Fischerboot, sprechen.

Die Flüchtlinge auf dem Boot hatten ihre Reise in etwa 20 verschiedenen Ländern begonnen, von Bangladesch bis zur Westspitze von Mauretanien. Das geht aus Erkenntnissen der Ermittler, Berichten von Überlebenden, amtlichen italienischen Dokumenten und Angaben von Familien hervor, die Angehörige als vermisst gemeldet haben.

Ein Vater, Cheich Fofana, erinnert sich an den letzten Anruf seines Sohnes Tidiane: Er sagte ihm, dass er bald nach Europa aufbrechen wollte. Seitdem hat er nichts mehr von ihm gehört. Am Tag bevor das Peschereccio in Libyen ablegte, versammelten sich dort je 100 Männer in zwölf Reihen am Strand. In letzter Minute traf ein Lastwagen mit etwa 200 weiteren Männern aus Ostafrika ein. Nicht alle Wartenden fanden Platz auf dem Boot, obwohl die Schleuser einige mehr an Bord schmuggelten als geplant.

Das überfüllte Boot schaffte es 77 Seemeilen (gut 140 Kilometer) von der libyschen Küste weg, bevor es anfing zu sinken. 24 Leichen wurden aus dem Wasser geborgen und im nahegelegenen Malta an Land gebracht. Doch die 28 Überlebenden wollte der Inselstaat nicht aufnehmen. Die italienische Küstenwacht brachte die Menschen deshalb in die sizilianische Hafenstadt Catania. Das Boot legte mitten in der Nacht dort an, zahlreiche Freiwillige begrüßten die Flüchtlinge mit Blumen und Carepaketen.

Etwa zu dieser Zeit rief Fofana wieder auf dem Handy seines Sohnes an. Ein Fremder hob ab und sagte, dass Tidiane nach Italien aufgebrochen sei. „Ich weiß, dass ich nichts mehr tun kann, wenn er tot ist“, sagt Fofana verzweifelt. „Aber ich muss wissen, ob er lebt oder tot ist.“

Es dauerte ein Jahr, den Rumpf des Unglücksbootes vom Meeresboden zu bergen und nach Italien zu schleppen. In ihrem gerade veröffentlichten Buch beschreibt Cattaneo „einen Teppich aus menschlichen Umrissen, der sich über den Laderaum erstreckte … fast alle mit dem Gesicht nach unten, einige in Fötusstellung, viele vor Verwesung geschwollen.“ Am Ende zählte die italienische Regierung 547 Opfer, plus 325 Schädel, die Cattaneo für weitere Untersuchungen in ihrem Labor aufbewahrt. Mit der Suche nach den Familien beauftragte Italien den forensischen Anthropologen Baraybar aus Peru. Der Mann mit den großen Augen hinter Brillengläsern begann mit den Namen von 27 jungen Männern aus Mauretanien, die von ihren Familien um April 2015 herum beim Roten Kreuz als vermisst gemeldet worden waren. „Man kann ihnen keine Geschichte erzählen oder verbergen, wer man ist“, sagte Baraybar. „Man ist nicht dort, um ihnen einen Leichensack zu bringen oder Geld zu geben.“

Bei dem Versuch, in Mauretanien Übereinstimmungen zu den DNA-Proben in Cattaneos Labor in Italien zu finden, führten die 27 Namen zu 40 weiteren. Daraufhin reiste Baraybar zuletzt in den Senegal. Dort fand er mithilfe von Personen, die aus erster Hand Kenntnis von der Bootsladung hatten, Bestätigung für die höhere Opferzahl.

Nach fast vier Jahren nähern sich Cattaneo und Baraybar nun den ersten Identifikationen. Hunderte weitere liegen noch vor ihnen. Baraybar weiß nun mehr darüber, wie Schleusernetzwerke arbeiten und welche Routen Migranten nahmen - und wie Angehörige von unbekannten Toten aufgespürt werden können. Wie Cattaneo bleibt er entschlossen bei der Sache: „Für die Familien ist das wichtig“, sagte er. „Ungewissheit ist tödlich.“