LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Statec-Bericht: Armutsrisiko nimmt im Langzeittrend zu

Das Armutsrisiko ist aus statistischer Sicht im vergangenen Jahr stabil geblieben. Die Langzeittendenz zeige aber ganz klar nach oben, hält der Statec erneut in seinem jährlichen Bericht „travail et cohésion sociale“ fest. Dem Dokument zufolge mussten 17,5 Prozent der Bevölkerung 2019 mit weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens auskommen (1.804 Euro). Am meisten betroffen seien junge Alleinlebende, Ausländer, Personen mit einem niedrigen Bildungsgrad, Arbeitslose aber auch Familien, insbesondere kinderreiche.
Deutlicher ist der Trend im Jahresvergleich mit Blick auf Einkommensungleichheiten. Der Gini-Koeffizient (ein Wert zwischen 0 (gleichmäßige Verteilung) und 1 (eine Person bekommt alles)) zur Messung der Einkommensverteilung legt gegenüber 2018 um 0,1 Punkt auf 0,32 zu. Die Schwere zwischen den reichsten und ärmsten fünf Prozent der Bevölkerung klafft derweil weiter auseinander: Diese fünf Prozent verfügten über 20,7 Mal höhere Einkommen als die, die mit wenig auskommen müssen.

Schwächere Dämpfungswirkung von  Sozialtransfers

Ohne Sozialtransfers wäre die Armutsgefährdung im Großherzogtum noch deutlich ausgeprägter (26,5 Prozent). Das neue Statec-Kompendium offenbart aber, dass dieser Abfederungseffekt über die Jahre abgenommen hat. Drückten Sozialtransfers das Armutsrisiko zwischen 2005 um elf bis 14 Prozentpunkte, verringerten sie die Quote 2019 um lediglich neun Prozentpunkte. Berücksichtigt werden nur Geldleistungen wie das Kindergeld oder Wohnungsbeihilfen, Sachleistungen wie die Dienstleistungsgutscheine für die Kinderbetreung hingegen nicht.
Großen Einfluss darauf, mit dem verfügbaren Einkommen über die Runden zu kommen, hat der Preis fürs Wohnen „Der Logement bleibt ein Thema, das vielen Leute Sorgen bereitet“, sagte Jérôme Hury. Ein Viertel der Haushalte erklärte im vergangenen Jahr, Schwierigkeiten zu haben, am Monatsende über die Runden zu kommen. Mehr als  drei Viertel der Haushalte geben indes an, dass sie die finanzielle Belastung der Wohnkosten als besorgniserregend empfinden. Wenn Kinder im Spiel sind, werde die Situation zunehmend schwieriger wahrgenommen. In der Feinanalyse zeigt sich, dass für fast die Hälfte der Mieter die Wohnkosten problematisch sind. Bei den Eigentümern mit einem Darlehen sind es immerhin noch 37,8 Prozent.
Seinen Bericht über die Arbeit und die soziale Kohäsion veröffentlicht das nationale statistische Institut jährlich vor dem internationalen Tag der Armutsbekämpfung am 17. Oktober. Einen Schwerpunkt legt der Statec in diesem Jahr auf Umwälzungen in der Arbeitswelt. So interessierten sich die Analysten in besonderem Maße für die sogenannten „Frontline Workers“, also Reinigungskräfte, Beschäftigte in Supermärkten oder Gesundheitsberufler, die auch inmitten des Lockdowns an vorderster Front weiterarbeiteten und einem erhöhten Risiko ausgesetzt waren, sich mit dem Coronavirus anzustecken.
Laut Statec-Angaben gab es unter den 150.000 betroffenen Beschäftigten mehr Frauen als Männer, mehr Teilzeit oder befristete Arbeitsverträge und verdienten sie im Durchschnitt 93 Prozent dessen, was die anderen Beschäftigten an Gehalt bekamen. Der Anteil an Grenzgängern war hingegen kleiner (41 Prozent) als im „Nicht-Frontline“-Bereich. Das durchschnittliche Stundeneinkommen wurde mit 23,9 Euro pro Stunde ermittelt.