LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

Sommerserie bekannteste Musicals - Erfolgreichstes Musical aller Zeiten: „The Phantom of the Opera“

Großbritanniens erfolgreichster Musical-Komponist Andrew Lloyd Webber lernt die Sängerin Sarah Brightman Anfang 1981 bei den Castings zu „Cats“ kennen. Er ist von ihrer Stimme und von ihrem scharfen Verstand begeistert.

Im Endeffekt spielt sie nur die Nebenrolle der Katze Jemima. Andererseits heiratet der Komponist Brightman am 22. März 1984. Kurz nach der Heirat wird Brightman die Rolle der Christine Daaé in einem neuen Musical angeboten: „The Phantom of the Opera“ von Ken Hill, nach dem Roman von Gaston Leroux. Doch sie möchte die Rolle nicht spielen. Lloyd Webber und Produzent Cameron Mackintosh besuchen das Musical, das klassische Musikstücke benutzt. Beide sehen sich auch zwei Filmfassungen des Romans an, die von Rupert Julian (1925) mit Lon Chaney und die von Arthur Lubin (1943) mit Claude Rains, worauf ihre Begeisterung nachlässt.

Ende 1984 findet Lloyd Webber in einem New Yorker Buchladen ein Exemplar des Romans von Leroux. Er liest die Geschichte und entdeckt neue Aspekte des tragischen Schicksals des Phantoms, das Eric heißt und in die Opernsängerin Christine verliebt ist, und in den Kellergewölben der Pariser Oper haust.

Klassik oder neue Musik?

Lloyd Webber beginnt sich klassische Musik anzuhören, um es Ken Hill gleichzutun. Doch schnell merkt er, dass dies lächerlich wirken wird, und dass die Filme sich nur den gruseligen Aspekt der Geschichte zunutze gemacht haben, den von einem entstellten Mann, der auf Rache aus ist. Eigentlich ist Eric ein intelligenter Mensch, der sich in eine schöne Frau verliebt und von der Hoffnungslosigkeit dieser Liebe in den Wahnsinn getrieben wird. Lloyd Webber hat bereits angefangen, Musik zum Musical „Aspects of Love“ zu komponieren. Da ihm diese Geschichte, die auf dem Roman von David Garnett basiert, keine Genugtuung gibt, hat er sie aufgegeben. Die Musik könnte sich jedoch für das Phantom-Musical eignen, da „Aspects of Love“ ebenfalls in Frankreich spielt.

Er teilt Mackintosh seinen Entschluss mit und macht sich auf die Suche nach einem Texter. Sein Stammtexter Tim Rice arbeitet zu der Zeit mit den zwei B’s der Gruppe ABBA, Benny Anderson und Björn Ulvaeus, am Musical „Chess“. Und Alan Jay Lerner („My Fair Lady“) ist zu krank, um daran zu arbeiten. Richard Stilgoe, der die Liedtexte zu „Starlight Express“ schrieb, wird erneut herangezogen. Zusammen mit dem Musiker Mike Batt schreibt er den Text zum Titelsong, der als Single im Januar 1986 erscheint, von Sarah Brightman und Steve Harley, dem Leadsänger der Gruppe Cockney Rebel, gesungen.

Von Sydmonton in die ganze Welt

Im Sommer 1985 sind die Arbeiten schon so weit fortgeschritten, dass das Phantom auf Lloyd Webbers privatem Festival in Sydmonton gezeigt werden kann. Bühnenbildnerin Maria Björnson hat sogar die Szene mit dem herabstürzenden Kronleuchter präpariert. Am Ende ist Lloyd Webber mit nichts zufrieden, außer mit dem Bühnenbild. Wieder überarbeitet er das Gesamtkonzept und die Musik, die ihm zu rockig klingt. Regisseur Harold Prince wird kontaktiert, und der sagt zu.

Weil Richard Stilgoe sich vornehmlich auf das Libretto und die Handlung konzentriert, wird der junge Texter Charles Hart im April 1986 engagiert, weil er Mackintosh beeindruckt hat. Drei Monate später steht das neue Libretto. Im Mai erscheint eine zweite Single, „All I Ask of You“ von Brightman und Cliff Richard gesungen.

Am 9. Oktober 1986 ist es dann soweit: „The Phantom oft he Opera“ feiert seine Premiere im Londoner West End im „Her Majesty’s Theatre“, wo es immer noch läuft. Michael Crawford spielt das Phantom, Brightman Christine Daaé und Steve Barton Raoul, Vicomte de Chagny. Zehn Minuten spendet das Premierenpublikum Applaus. Lloyd Webber und Mackintosh sitzen in einer nahegelegenen Bar, und bekommen von alldem nichts mit. Das Musical wird in 28 Ländern auf allen Kontinenten gezeigt. Mittlerweile haben es über 170 Millionen Menschen gesehen, und Lloyd Webbers Musical ist das erfolgreichste aller Zeiten. Im Jahr 2010 feiert eine Fortsetzung, „Love Never Dies“, in London Premiere. Ein Musical, das aber nur einen mäßigen Erfolg verzeichnen konnte.