LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

„Der Hauptmann“ basiert auf wahren Ereignissen

Wer kennt noch Schwarzweiß-Filme? „Die gehören in die Steinzeit,“ meinte doch ein Jugendlicher, als ihn ein Radioreporter nach der Premiere von „Der Hauptmann“ anlässlich des Filmfestivals Max Ophüls Preis in Saarbrücken darauf ansprach. Jedenfalls waren es diese Filme, welche die Menschen zuerst im Kino sahen. Eigentlich sind die meisten der besten Filme aller Zeiten schwarzweiß. Robert Schwentkes Kriegsdrama gehört zwar nicht in die Hitparade der besten Spielfilme, ist aber sicher einer jener Filme, der die Gefühlswelt der Zuschauer gehörig durcheinanderwirbelt.

Die Abgründe eines Menschen

Der Gefreite Willi Herold (Max Hubacher) wird von seinem befehlshabenden Hauptmann Junker (Alexander Fehling) als Deserteur verfolgt. In der Nähe eines Walds findet der flüchtige Soldat ein Auto, in dem sich ein Koffer mit einer Uniform eines Hauptmanns befindet. Willi zieht sich die Uniform an und wird gleich vom Soldaten Freytag (Milan Peschel) salutiert, der sich sogar anbietet, ihm als Fahrer zu dienen. Im Laufe der Zeit schließen sich ihm noch andere Soldaten an, wie Kipinski (Frederick Lau). Skrupellos spielt er sich als Führer der „Kampfgruppe Herold“ auf und kommt ins „Lager 2“ im Emsland, wo unter anderem Deserteure inhaftiert sind. Er behauptet vom Führer mit der Säuberung des Lagers bevollmächtigt worden zu sein. Zusammen mit SA-Offizier Schütte (Bernd Hölscher) beginnt er Fahnenflüchtige, Plünderer und Vergewaltiger auszusuchen, die dann nach und nach erschossen werden.

Grotesk und grausam

Der Film spielt zwei Wochen vor Kriegsende und basiert auf der wahren Geschichte eines Kriegsverbrechers, welcher „der Henker vom Emsland“ genannt wurde. Zuerst stellt Regisseur Schwentke, der in Amerika mit Filmen wie „RED“ oder „Flightplan“ erfolgreich war, Willi Herold als Opfer des Kriegs dar. Er wird als Deserteur verfolgt - warum wird nicht genau geklärt -, und er bekommt auf seiner Flucht Schandtaten mit, die entweder andere Fahnenflüchtige begehen oder Einwohner, die sich gegen die Plünderer wehren. Somit liegt es nicht unbedingt auf der Hand, dass sich Willi in diesen brutalen Unmenschen verwandelt. Max Hubacher spielt den Gefreiten mit unterschiedlichen Gesichtern. Zuerst ist er der Verfolgte, dann erkennt er, dass nur Uniformen Menschen machen. Er hat mit dem Anziehen der Uniform sozusagen Blut geleckt, und dann hält ihn nichts mehr von egal welcher Unmenschlichkeit zurück. Einzig Freytag sieht man das Entsetzen bei jedem brutalen Akt seines Hauptmanns an. Milan Peschel spielt diesen Soldaten mit sehr viel Ernst und einem stets fragenden Blick, wieso ein Mensch so handeln kann. Dagegen unternimmt er allerdings nichts - er hat Angst, selbst getötet zu werden. Auch der Verlauf eines lustigen Abends, während dem zwei Gefangene (Samuel Finzi und Wolfram Koch) die Offiziere mit Witzen unterhalten müssen, wird dem Zuschauer alles andere als witzig vorkommen.

In Form einer Groteske zeichnet Schwentke ein überaus hartes Bild eines Mannes, der durch das Tragen einer Uniform und der damit zusammenhängenden Macht zu einem Unmenschen wird („mit Vollmacht von ganz oben“, wie der unechte Hauptmann einmal erklärt).

Die schwarzweißen Bilder unterstreichen die Dramatik der Geschehnisse, da man nicht durch Farben abgelenkt wird. „Der Hauptmann“ ist trotz einiger harten Szenen wegen der Thematik ein unbedingt sehenswerter Film. Die in Luxemburg tätige Eugénie Anselin spielt eine kleine Nebenrolle.