NORA SCHLEICH

„Sobald jedem ein bedingungsunabhängiger Grundbetrag ausgezahlt wird, wird niemand mehr arbeiten. Die Menschen können keine eigenständigen, vernünftigen Entscheidungen treffen.“

Die Ängste bezüglich des bedingungslosen Grundeinkommens, auf Englisch Universal Basic Income (UBI) zeigen sich bei der politischen Rechten und Linken in ähnlicher Intensität. Doch ist es wirklich der Fall, dass, wenn der Mensch eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit genießen kann, er der Faulheit verfällt und nur noch triebgesteuert nach Alkohol, Spaß und Ähnlichem lechzt? Oder ist dies nicht mehr als eine kognitive Illusion, an welcher so manch einer krampfhaft festhält?

Da die Thematik um das UBI ab und an wieder an die Oberfläche schwappt, wird sich die heutige Reflexion der oben genannten Problematik widmen. In dem Buch „Utopia for Realists“ diskutiert Rutger Bregmann, niederländischer Historiker und Schriftsteller, inwiefern das UBI als Garant für ein gerechteres und harmonischeres Miteinander gelten kann. Die folgenden Daten sind alle Resultate der von Bregmann hervorgehobenen Studien: Erstaunlich ist, dass bereits etliche Staaten Pilotprojekte avancierten, welche die Durchführbarkeit des UBI testen sollten, unter anderem England (2009), Kanada (1973), Kenia (um 2000) und auch die States (1970). Noch erstaunlicher sind allerdings die Resultate der Testläufe. Entgegen der weitläufigen Annahme, dass die Armen mit Geld nicht umgehen könnten, ließ sich feststellen, dass die ärmeren Leute das ihnen ausgeteilte Geld nicht an Drogen oder Ähnlichem verschwendeten, sondern dass sie es in ordentliche Nahrungsmittel, Weiterbildung und Verbesserung der Lebensumstände investierten.

So hatte bereits der Großteil der Obdachlosen, die das Glück hatten, bei einer dieser Studien teilzunehmen, nach nur wenigen Monaten es geschafft, ihr Leben wieder in einigermaßen geordnete und zukunftstaugliche Bahnen zu leiten. Durch das UBI konnten sie aus der festgefahrenen Situation herauszukommen, ganz einfach indem das Geld ihnen Raum für Entscheidungen schaffte. So bewahrheitet sich unter anderem zunächst, dass die Behauptung, arme Leute seien arm, weil sie nicht mit Geld umgehen könnten, ein Trugschluss ist. Viel eher sind sie arm, weil ihnen die Möglichkeit und Hoffnung fehlt, etwas aus sich und ihrem Leben machen zu können, materiell wie auch mental.

Dass ein bedingungsloses Grundeinkommen die Menschen nicht einfach nur faul werden lässt, ließ sich auch aus weiteren Studien herauslesen. Die Gesellschaft profitiert viel eher von Dynamik und Autonomie, wenn den Mitwirkenden eine gewisse finanzielle Sicherheit zukommt. So war festzustellen, dass es nach der Einführung des UBI nicht zur einer generellen Trägheit kam, sondern dass die Menschen es sich nun leisten konnten, weniger zu arbeiten und die neu gewonnene freie Zeit für sinnvolle Aktivitäten zu nutzen.

So wurde nämlich genug finanzielle Luft geschaffen, um sich nach einer passenderen Arbeit umzusehen, oder um sich mehr um das Zuhause, die Familie oder sich selbst kümmern zu können. Weiterbildung und erfüllende Freizeitgestaltung waren nun nicht mehr nur Wunschgedanken. So konnte die Studie dann auch damit aufwarten, dass es dank des UBI zu mehr Schulabschlüssen kam, zu einer größeren gesellschaftlichen Zufriedenheit und sogar zu einer besseren gesundheitlichen Verfassung der Bevölkerung. Es dürfte hinlänglich bekannt sein, dass Stress und Sorgen zu Frust und Krankheit führen, und nicht zu einem Mehr an Produktivität und Motivation. Ja, so konnten sich die Sorgen einiger Großen der Politik nicht bestätigen lassen, die Menschen hörten nicht auf zu arbeiten oder zu studieren und verfielen nicht einem Alkohol-Tabak-BigMac-Rausch. Das Tüpfelchen auf dem I dürfte dann auch der faktische Beleg dieser Studien sein, dass sich Schulabbruchs- und Kriminalitäsraten deutlich senkten, ebenso wie Mangelernährung, Kindersterblichkeit und ähnliches.

Woher stammt also die Angst vor dem UBI? Warum wird sich gesträubt, den Schritt zur Verwirklichung des bedingungslosen Grundeinkommens zu wagen? Vielleicht liegt das Problem dann doch ein wenig tiefer? So ist es nämlich durchaus vorstellbar, dass sich ein, man will fast sagen „geschwächtes“ Volk, doch besser regieren ließe, als eins, das sich in Eigenständigkeit und Dynamik seiner Stärken bewusst wird? Eigentlich muss an dieser Stelle noch eine weitaus dunklere Frage aufgeworfen werden: Sind Menschen von Grund aus böse, so dass sie, werden sie in ihre Autonomie entlassen, in Selbstzerstörung und das unausweichliche Verderben rennen? So manch einer von meinen geschätzten Lesern wird nun denken: Ist dem denn nicht gerade so? - worauf man antworten könnte: Leben wir denn überhaupt wirklich autonom oder sind wir, ganz so wie Bregmann es in seinem Werk darstellt, doch eigentlich vor das gängelnde Joch des Finanzsystems gespannt?