LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Bei der Sprachentwicklung gibt es für Eltern vieles zu beachten - Der „Service audiophonologique“ führt jedes Jahr Hör- und Sprachtests bei Tausenden Kindern durch

Mittwochmorgen in den Büros des „Service audiophonologique“ in Hamm. Im Wartesaal sitzt eine Mutter mit ihrer Tochter. Die Kleine hat gerade großen Gefallen daran, die schreiende Babypuppe tröstend in den Armen zu halten. Eine Frau, die gerade eintritt, wird prompt von einer Mitarbeiterin gefragt, ob sie einen Termin habe. Es herrscht Betriebsamkeit in der staatlichen Stelle des Gesundheitsministeriums, in der 15 Orthophonisten arbeiten - und jährlich Hör- und Sprachentwicklungstests bei Tausenden Kindern in Luxemburg durchführen. Damit erfüllt die Abteilung unter der Leitung von Jean-Marc Hild eine wichtige öffentliche Aufgabe.

Beispielsweise durch die von ihr durchgeführten Hörtests. „Vor dem Eintritt in die Grundschule ist es wichtig zu wissen, ob das Kind richtig hört und die Laute richtig unterscheiden kann“, erklärt der Orthophonist im Interview mit dem „Journal“. „Von Oktober bis Juni führen wir bei Kindern im Zyklus 1.2 Hörtests in den öffentlichen und privaten Schulen durch“. Die Kleinen bekommen dabei Kopfhörer aufgesetzt und müssen lediglich angeben, auf welchem Ohr ein Ton auf unterschiedlichen Frequenzen ertönt. „In den vergangenen zehn Jahren konnten wir so mehr als 2.000 Kinder identifizieren, bei denen entweder lediglich eine kleine Beeinträchtigung, beispielsweise aufgrund eines verstopften Gehörgangs oder aber eine schwerwiegendere Einschränkung der Gehörfunktion vorlag.“

Lëtzebuerger Journal

Eltern müssen mit an Bord sein

Anders geht der audiophonologische Dienst des Gesundheitsministeriums bei den Sprachentwicklungstests vor. „Beim Programm ,Bilan 30‘ schicken wir den Eltern eine Einladung. Diese müssen dann aktiv auf uns zu kommen“, führt Hild aus. Eine Ursache für diese Herangehensweise ist, dass die sprachliche Entwicklung des eigenen Kindes ein empfindlicheres Thema ist. „Wenn es um die Sprachentwicklung des Kindes geht, fühlt man sich als Eltern automatisch bewertet“, meint Hild. Der Abteilungsleiter weiß, dass Sprachbehandlung nur in Zusammenarbeit mit den Eltern Früchte tragen kann. „Wenn die Eltern nicht mit an Bord sind, dann kommt man nicht weit“, betont Hild.

Überlegungen, den Sprachentwicklungstest im Alter von zweieinhalb Jahren verpflichtend und früher durchzuführen, gab es in der Vergangenheit bereits mehrfach. Eine Hürde wäre dabei neben der Motivation der Eltern auch das unterschiedliche Tempo der Sprachentwicklung bei Kindern.

Die Abteilung setzt dagegen verstärkt auf Sensibilisierung. „Im kommenden Jahr werden wir Informationsabende über Sprachentwicklung organisieren. Wir wollen Eltern darüber aufklären, auf was sie bei der sprachlichen Entwicklung ihres Nachwuchses achten sollen, welche Fehler sie vermeiden können oder auch über den richtigen Umgang mit Mehrsprachigkeit, Bildschirmen oder Schnullern hinweisen“, führt Hild aus. Der Sensibilisierungsarbeit der audiophonologischen Abteilung kommt eine umso größere Bedeutung zu, als heute in vielen Fällen weniger Zeit für die Erziehung der Kinder bleibt und die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht unter dem hohen Stellenwert von Smartphones, Medienkonsum und Co. leidet.

Der Sprachentwicklungstest setzt sich aus drei Elementen zusammen. Zunächst erkundigen sich die Mitarbeiter der Abteilung im Gespräch mit den Eltern über deren Einschätzung und Beobachtungen zur Sprachentwicklung ihres Kindes, seinen Alltag oder auch den Kontakt zu anderen Kindern. Dann führen die Mitarbeiter die eigentlichen Tests durch. Im Wortschatztest müssen die Kleinen etwa einfache Wörter wiedererkennen, ein Artikulationstest dient der Analyse von Lautkombinationen. Auch grundlegende Satzbauübungen, Wort- und Satzverständnis oder die richtige Einordnung von Begriffen in bestimmte Kategorien sind Bestandteile des Tests. Die Orthophonisten führen diese übrigens in der Sprache durch, die das Kind am besten beherrscht. Auch ein einfacher Gehörtest gehört dazu. Abschließend wird dann im Gespräch mit den Eltern eine Bilanz gezogen mit der Möglichkeit, innerhalb eines Zeitraums von zwölf Monaten ein erneutes Treffen zu vereinbaren.

Alles in allem dauert der Test mitsamt Elterngespräch etwa eine halbe Stunde. Mehr als 5.700 Kinder durchliefen 2017 diese Prozedur. „Es handelt sich um einen schnellen Test. Ziel ist nicht eine tiefgreifende Analyse der Sprachentwicklung, sondern eine schnelle Früherkennung spezifischer Sprachentwicklungsschwierigkeiten“, erklärt Hild. Im Ergebnis zeigt sich, dass die Sprachentwicklung von zwei Dritteln der Kinder normal ist und in einem Viertel der Fälle ein Sprachrückstand festgestellt wurde. In rund sechs Prozent der Fälle wurde eine weiterführende Behandlung als notwendig erachtet, wobei auch hier Sprachentwicklungsrückstände dominieren.

Beim Thema Stottern betont Hild indes: „Es ist normal, wenn ein Kind bis drei Jahre eine Stotterphase durchlebt. Besonders bei Kindern mit einer guten Sprachentwicklung kann es durchaus vorkommen, dass die Koordinierung zu einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr richtig klappt“. Eltern, die verständlicherweise den Reflex haben, eingreifen zu wollen, sollten in dieser Phase bestimmte Regeln befolgen (siehe Kasten). Normalerweise handele es sich um ein Phänomen, das über einige Monate anhält. Bleibt das Stottern über den Zeitraum von sechs Monaten hinaus präsent, rät Hild dazu, einen Spezialisten aufzusuchen.

Zwei Broschüren (deutsch/französisch) zum Thema Stottern und der Sprachentwicklung des Kindes finden Eltern unter tinyurl.com/sante-lusap