CHRISTINE MANDY

Warum Zeit dort nicht aufbewahrt werden kann

„Zeit ist Geld“. Der Satz, der von Benjamin Franklin stammt, hat schon vielfach für Empörung gesorgt. Der Einspruch seitens der Kritiker: Zeit ist keineswegs etwas, das man kaufen kann. Viele wohlhabende Menschen horten eine Menge Geld und haben doch häufig keine Zeit für ihre Familie und für Hobbies. Auch bleiben sie nicht davor bewahrt, zu erkranken und unter Umständen frühzeitig aus dem Leben zu scheiden. Doch wieviel Wahrheit steckt tatsächlich in dieser Aussage?

 

Zwang des sofortigen Investierens

Zunächst zu der Frage, ob die Zeit als Währung aufzufassen ist. Dafür spricht, dass wir sie in Einheiten aufteilen: Jahre, Monate, Wochen, Tage, Minuten, Sekunden. Mit diesen Einheiten müssen wir haushalten können. Wir dürfen uns am Tag nicht mehr vornehmen, als wir schaffen können, so wie wir auch nicht mehr Geld ausgeben können, als wir besitzen. Der einzige Unterschied zu einer gängigen Währung ist aber der, dass wir uns die Zeit nicht für später aufheben können. Sie kann nicht unter das Kopfkissen oder in einen Safe gelegt werden, sondern sie muss hier und jetzt „ausgegeben“ beziehungsweise genutzt werden. Das macht den Umgang mit ihr besonders schwer. Auch bleibt ihr Wert auch immer gleich; er wird nicht auf dem Markt gehandelt. Ob etwas uns ein paar Minuten wert ist oder nicht, müssen wir ganz allein mit uns selbst ausmachen.

Während wir uns beim Geld bewusst entscheiden, wofür wir es ausgeben, nämlich für Dinge, die uns attraktiv erscheinen, wird unsere Zeit auch für jene Aktivitäten beansprucht, die uns nicht behagen. Beispiele hierfür sind nervige Arbeiten im Haushalt oder das Erledigen von Hausaufgaben. Prinzipiell jedoch können wir uns für alles Zeit nehmen, was uns wichtig erscheint und zwar ohne Einschränkungen, obgleich wir nicht immer genug Geld haben, all das zu kaufen, das uns ins Auge springt. Es mag nicht sinnvoll sein, mehrere Stunden täglich fernzusehen, statt zu arbeiten und doch ist das eine Entscheidung, die wir treffen können. Einen teuren Kronleuchter, der unser Budget übersteigt, können wir aber auch mit dem besten Willen der Welt nicht erwerben. Es gibt keine Tätigkeit, die zu „teuer“ ist, wir können uns alles leisten, wenn wir nur wollen. Nichtsdestotrotz muss wie beim Umgang mit jeder anderen Währung auch hier Verzicht geübt werden. Nur weil wir die Währung „Zeit“ für alles ausgeben können, bedeutet das nicht, dass das gleichzeitig geschehen kann. Der Mensch ist nur bedingt Multitaskingfähig.

Symbolisches Sparschwein für Freizeit

Der Verzicht ist der Punkt, an dem sich anknüpfen lässt bei der Frage, ob sich die Währung Zeit mittels einer anderen Währung, dem Geld, erwerben lässt. Tendenziell würden wir dies verneinen. Hält man sich aber konkrete Einzelbeispiele vor Augen, so stellen wir fest, dass wir sehr viel öfter Zeit „kaufen“, als uns bewusst ist. Denn warum fahren wir mit dem Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln, anstatt zu Fuß zu gehen? Warum essen wir Fastfood, statt selbst zu kochen? Haushaltshilfen, Wäschereien, Dienstleistungen, sind das nicht alles Beispiele dafür, in denen wir uns die Zeit sparen wollen, die wir benötigen würden, um ein Produkt selbst herzustellen? Der Zweck dabei ist stets der Hintergedanke, die somit eingesparte Zeit anderweitig zu nutzen. Wer reich ist besitzt also nicht nur Geld, sondern auch die Freiheit, seine Zeit so zu nutzen, wie es ihm beliebt.

Längeres Leben dank Reichtum?

Denkt man nun an die Zeit im Sinne von Lebenszeit, so stimmt es natürlich, dass Gesundheit nicht käuflich ist. Und doch muss diese Tatsache relativiert werden. Wer wohlhabend ist, kann sich teurere Medikamente beziehungsweise eine Zusatzkrankenversicherung leisten. Auch hat er bessere Chancen, überhaupt erst gesund zu bleiben. Er kann sich qualitativ bessere Lebensmittel leisten, er muss unter Umständen weniger hart arbeiten, kann einen Personaltrainer und einen Ernährungsberater zur Rate ziehen, er kann von kostspieligen Unterhaltungsmedien profitieren, die seiner Entspannung dienen und so weiter. Möglicherweise also ist Zeit nicht nur Geld, sondern Geld gleichzeitig auch Zeit.

Einsatz mit Köpfchen

An einem Punkt kann man den Kritikern nichtsdestotrotz Recht geben. Wenn wir das Wort „Geld“ in Benjamin Franklins Satz nicht wörtlich nehmen, sondern seine Aussage so interpretieren, dass die Zeit einfach ein kostbares Gut ist, dann mag es stimmen, dass Geld keineswegs ein Garant für Glück ist und in Relation zur Freizeit steht. Der Umstand, dass der Wohlhabende (Frei)zeit sozusagen erwerben könnte, bedeutet nicht, dass er sich der Kostbarkeit der Währung „Zeit“ auch tatsächlich bewusst ist. Er kann sosehr auf Materielles fixiert sein, dass er vergisst, seine Zeit für die Dinge zu nutzen, die eben gerade nicht käuflich sind, wie Freunde und Familie.

Wahrer, innerer Reichtum besteht offensichtlich darin, mittels Intelligenz und Organisationstalent seine Währung „Zeit“ möglichst sinnvoll einzusetzen. Wer am Ende auf sein Leben zurückblickt und seine Zeit für möglichst viele Dinge „ausgegeben“ hat, wer also möglichst viel mit seiner Zeit anzufangen gewusst hat, kann sich als wohlhabende Person betrachten. Doch für diese Art des Wohlstands muss man Fähigkeiten mitbringen, die beim Umgang mit Geldscheinen und Goldmünzen keine Rolle spielen. Geld ausgeben kann jeder, seine Zeit nutzen nicht.