SHANGHAI
THOMAS GEIGER (DPA)

Auf der „Auto Shanghai 2017“ wirft China den E-Motor an

Es ist 9.30, auf der Straße geht es zu wie in einem Ameisenhaufen. Aus allen Ecken schießen Roller und Mofas heran - flüsterleise, schließlich fahren sie elektrisch. Innerhalb weniger Jahre hat es China geschafft, das Millionenheer seiner Zweiräder von Benzin- auf Batteriebetrieb umzustellen. Jetzt sollen die Autos folgen. Wie ernst es Maos Erben ist, kann man noch bis zum 27. April auf der Motorshow in Shanghai sehen: Wie auf bislang keiner anderen Messe drängen sich dort die Akku-Autos in den Vordergrund.

Es gibt sogar etliche Marken, die überhaupt keine Verbrenner mehr im Angebot haben. Dazu zählen Exoten wie Singulato, Experimenten oder Yudo, von denen man im Ausland wahrscheinlich nie und auch daheim womöglich nicht mehr oft etwas hören wird. Doch zwischen all den kleinen Newcomern findet man auch ebenso finanzkräftige wie aussichtsreiche Start-Ups, die laut über den Export nachdenken.

Schritt in den Westen

So hat die Neugründung Nio das siebensitzige SUV ES8 vorgestellt und dabei bekräftigt, dass die Marke im Jahr 2020 mit ihren Elektroautos in die USA und danach nach Europa kommen will. Und wenn die in den vergangenen zwei Jahren mit großem Tamtam etablierten Marken Borgward oder Lynk&Co den Schritt in den Westen wagen, wollen sie ihre Verbrenner ebenfalls zu Hause lassen, kündigen die Manager an.

Weil es für Elektrofahrzeuge nirgendwo so viel Förderung gibt und die Regierung im Gegenzug nirgendwo höhere Forderungen stellt, spielen die Importeure dieses Spiel tapfer mit und stehen deshalb auch bei ihrem Auftritt in Shanghai unter Strom - allen voran der VW-Konzern.

Der ist mit gleich drei elektrischen Studien nach China geflogen und hat dort bei Audi den e-tron Sportback, bei VW den I.D. Crozz und bei Skoda den Vision E enthüllt. Alle drei sind SUV-Coupés, alle kommen mit einer Akku-Ladung bis zu 500 Kilometer weit, alle sind für die Serie vorgesehen, sagen die Hersteller. Allerdings wird das bei Audi bis 2019 dauern, bei den Schwestern sogar noch länger.

Die vielen neuen SUV, die neben den Stromern in Shanghai wie auf jeder Messe den größten Anteil ausmachen, sind richtig ansehnliche Autos geworden. Natürlich gibt es noch immer Plagiate und so manche extrem schräge Studie. Doch wer durch die acht prallvollen Hallen läuft, muss feststellen, dass der Copy-Shop dicht gemacht hat und das Kuriositäten-Kabinett ausgemistet wurde. Geländewagen wie Haval H6, Cherry Nummer 5 oder Lynk&Co 01 haben ein durchaus stimmiges Design, günstige Proportionen und sogar einen halbwegs liebevoll gestalteten Innenraum, der erst verliert, wenn einem der Lösemittelgeruch in die Nase steigt und man die wackeligen Schalter anfasst.

Groß auffahren

Für die ausländischen Volumenhersteller könnten die goldenen Zeiten in China damit so langsam zu Ende gehen - selbst wenn Marken wie VW, Citroen oder Toyota dort viel mehr Autos verkaufen als in der Heimat und deshalb auf der Messe groß auffahren. So haben die Niedersachsen den Teramont als chinesische Ausgabe ihres amerikanischen SUV-Riesen Atlas auf die Bühne gefahren, Toyota zeigt einen leicht gelifteten Lexus NX. Und bei Citroen dreht sich mit dem C5 Aircross der erste selbst entwickelte Geländewagen, der in China noch in diesem Sommer an den Start geht, nach Europa aber erst Ende 2018 kommen wird.

Keine Sorgen müssen sich dagegen die Luxushersteller machen. Denn so sehr die Lokalpatrioten von Honqui ihre „Rote Fahne“ schwingen und um Aufmerksamkeit buhlen, ist die Oberklasse in China fest in der Hand der Ausländer. Mercedes hat deshalb in Shanghai statt in Stuttgart das Tuch von der überarbeiteten S-Klasse gezogen, selbst wenn diese im Sommer zuerst in Europa auf den Markt kommen wird. BMW baut den neuen Fünfer eigens für die Chinesen jetzt wieder mit gestrecktem Radstand und lockt Selbstfahrer mit einem erstarkten M4 CS. Und weil es nach den SUV nichts gibt, was Maos Enkel mehr lieben als Limousinen, nimmt Mercedes mit einer Studie nicht nur die nächste Generation ihrer Kompaktklasse vorweg, sondern verspricht so mit dem Fokus auf den Fernen Osten gleich noch eine A-Klasse mit Stufenheck.