LUXEMBURG
SVEN WOHL

Netflix-Anime „Japan sinkt“ zeigt das Ende eines ganzen Volkes

Jede Episode von „Japan sinkt“ beginnt mit einem Intro, das unscheinbare, alltägliche Abläufe zeigt. Mit jeder Episode wirkt dieses Intro eine Spur melancholischer auf einen. Denn die Eskalation an Naturkatastrophen lässt alles, was einmal an Normalität erinnerte, verschwinden. In seiner Brutalität, die über die Figuren hereinbricht, spiegelt der Anime unsere reale, anhaltenden Krise. Und „Japan sinkt“ kennt keine Gnade, wenn es um scheinbar grausame Handlungsverläufe geht.

Erschütterte Gesellschaft

Heftige Erdbeben erschüttert Japan und reißen die Familie Mutou aus ihrem täglichen Leben. Die Erschütterungen sind so stark, dass Hilfe seitens der Regierung zunächst ausbleibt, weil sie nicht mobilisiert werden kann. Die Überlebenden sind gezwungen, ihren Weg zu einem der Hafen zu bahnen, wo später Evakuationen durchgeführt werden. Das Familiengefüge, das anfangs mit viel Wärme und Gefühl aufgebaut wird und auch Freunde miteinbegreift, wird ebenfalls erschüttert. Ein Tod jagt den nächsten und in seiner Darstellung zeigt sich die Nuanciertheit der Serie. Während die ersten Todesfälle wie Schläge in der eigenen Magengrube landen, ist man gegen Ende so abgehärtet, um nicht zu sagen abgestumpft, dass sie an einem apprallen. Als Zuschauer ist man am Ende beinahe genau so emotional erschöpft wie die Reste der Familie Mutou.

Diese Härte, diese Art der für „Game of Thrones“ typischen Eskalation, gekoppelt mit einem Katastrophenfilm macht einen Reiz der Serie aus. Der andere entsteht durch die wenigen Hoffnungsschimmer, die in einem merkwürdig optimistisch anmutenden Ende gipfeln, das die positive Grundhaltung der Hauptfiguren spiegelt. Was ein Schleudertrauma auslösen sollte, verstärkt die Hoffnungsschimmer dagegen umso mehr. Gelegentlich fühlt man sich an die krassen Gegensätze aus Manga-Serien wie „Gantz“ erinnert.

Gegensätze finden sich auch im Animationsstil, der seine Eigenarten hat. Auch wenn die Hintergründe durch eine Flut an Details zu begeistern wissen, so verformen sich die Figuren mit fast jeder Bewegungen. Der Effekt kann stärker bei anderen Serien des Studios beobachtet werden, wie etwa „Devilman Crybaby“. Doch während der ersten paar Episoden muss man sich schon an diesen Effekt gewöhnen. Einigen mag er billig vorkommen oder gar an eine Flash-Animation erinnern, andere gewöhnen sich schnell daran.

Ein Volk ohne Land

Die Themenpalette, die der Anime anspricht, ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei bloß um zehn Folgen mit jeweils 20 Minuten handelt. Drogen, Politik, Sekten, Verlust und der Tod als ständiger Begleiter sind Themen, die hier gesetzt werden. Gegen Ende dominiert, wie man ein Volk ohne Land eigentlich definieren kann. Nein, es ist kein Spoiler, wenn man verrät, dass am Ende einer Serie mit dem Titel „Japan sinkt“ Japan in seiner heutigen Form nicht mehr existiert. Kommentare zur Xenophobie einiger Japaner sind ebenfalls gang und gäbe, reflektieren somit teilweise das politische Klima. Auch, dass internationale Mächte scheinbar nicht den Japanern helfen wollen, zeigt die bröckelnde Weltgemeindschaft. Was die Serie damit am Ende macht und wie Botschaften vermittelt werden, macht jeden Tod und jede Folge umso wertvoller.

Natürlich muss sich jeder fragen, ob er sich eine solche Serie zu diesem Zeitpunkt unbedingt antun möchte. Dies ändert allerdings nicht an den Qualitäten, die hier zu finden sind. Wer einmal mit der ersten Folge angefangen hat, kommt nicht drum herum, bis zum Ende weiter zu schauen. Ob sich all die Schicksalsschläge am Ende gelohnt haben, hält dann jeder für sich fest.