Kaum ein anderer Mythos konnte sich so lange in der Videospielindustrie halten wie dieser: Atari verbuddelte auf der Höhe des Videospielcrashs von 1983 haufenweise Spielekassetten mit E.T. in der Wüste. Was lange als Gerücht gehandelt wurde, wurde bereits vor Jahren teils bestätigt und teils widerlegt: Ja, Atari ließ zahlreiche Kassetten verschwinden, um die Lager zu leeren, doch es handelte sich nicht ausschließlich um E.T. und vor allem nicht um Millionen Kassetten.
Die Prämisse der Dokumentation „Atari - Game Over“ ist damit für Kenner reichlich unspannend, versucht der Film einem weiszumachen, dass es hier ein Geheimnis zu lüften gelte, das es eigentlich nie wirklich gab, da die faktische Lage dem Mythos stets widersprach. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass der Film nicht sehenswert ist.
Charakterstudie
Das liegt vor allem an dem Teil des Films, der sich nicht auf die Ausgrabung konzentriert, sondern die Verhältnisse bei Atari zu jener Zeit unter die Lupe nimmt. Wie konnte es eigentlich so weit kommen, dass das Filmstudio verlangte, dass ein Spiel innerhalb von fünf Wochen von zwei Personen zusammengebastelt werden sollte? Wieso wurden Millionen von Kassetten vorproduziert und ein Spiel, das beim besten Willen höchstens Mittelmaß darstellte, so massiv von der Werbung in den Himmel gelobt? Wie konnte es dazu kommen, dass ein Start-Up-Unternehmen so hoch steigen und anschließend wieder so tief fallen konnte? Vor allem die Interviews mit dem Macher des Spiels „E.T“, Howard Scott Warshaw, sowie dem ehemaligen Atari-Boss Nolan Bushnell und Manny Gerard von Warner geben hier bemerkenswerte und spannende Eindrücke. Vor allem für Kenner der Szene bieten sich hier neue Erkenntnisse über das damalige Betriebsklima.
Im Alleingang
Das größte Lob bekommt der Film für die differenzierte Darstellung und Rehabilitierung von Howard Scott Warshaw. Für die längste Zeit galt der Mann, der das Spiel zu „E.T.“ entwickelte, als eine Persona non Grata in der Community. Der Ruf: Er habe das schlimmste Spiel aller Zeiten entwickelt. Doch durch die Informationen, die hier über die Arbeitsbedingungen konkret aufgebracht werden, wird einem erst bewusst, wieso dieses Desaster überhaupt geschehen konnte und dieser Entwickler nur versuchte, das Beste aus einer vollkommen aussichtslosen Situation zu machen. Damit gelingt es dem Film, eine menschliche Komponente in eine Industrie zu bringen, die nicht gerade von Gesichtern oder Persönlichkeiten, sondern von Produkten beherrscht wird.
Interessant ist der Film auch für all jene, die sich nicht mit der Geschichte der Videospielindustrie auskennen. Oftmals wird der Fehler begangen, den Crash von 1983 auf E.T. zu reduzieren, doch der Film gibt sich Mühe, ein breiteres Bild der Situation zu zeichnen und damit mehr Kontext an die Zuschauer weiterzugeben. Durch die vielen Interviews und unterhaltsamen Persönlichkeiten, wie etwa dem Schriftsteller Ernest Cline, zeigt der Film viel Charme und kann gut unterhalten und informieren. Wer also darüber hinweg sehen kann, dass der Film einem ein Rätsel vorgaukelt, das keines ist, für den sollte er auf jeden Fall sehenswert sein.
Aktuell befindet sich „Atari: Game Over“ im Streaming-Angebot von Netflix


