LUXEMBURG
PIERRE WELTER, FREIER JOURNALIST

Versuchter Totschlag? - Staatsanwaltschaft fordert 10 Jahre Haft

Ein Fall von versuchtem Totschlag und gefährlicher Körperverletzung hat am Donnerstag und Freitag die Kriminalkammer am Bezirksgericht Luxemburg beschäftigt. Ein 31-jähriger Kapverdier, Saido E. soll einen 34-jährigen Mann lebensgefährlich mit einem Messer verletzt haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung vor.

Saido E. (31) war am 3. Dezember 2017 mit drei Männern körperlich aneinander geraten. Er lief nach Hause, nahm dort ein Messer aus dem Schrank und rammte es danach draußen vor der Tür einem der Männer vier Mal in den Rücken. Polizei und Notarzt waren bereits nach wenigen Minuten in der Avenue de la Gare, wo das Opfer in seinem Blut auf dem Boden lag. Die medizinische Versorgung erfolgte zügig.

Notwehr?

E. hat am Donnerstag zugegeben, das Opfer am 3. Dezember 2017 mit einem Messer verletzt zu haben. Dabei berief er sich allerdings auf Notwehr. Die Vorsitzende Richterin Sylvie Conter artikulierte ihre Zweifel, da die Stiche in den Rücken erfolgt waren, also von hinten und nicht von vorne geführt wurden.

Die Gerichtsmedizinerin erläuterte die Verletzungen des Opfers als schwer. Ein Einstich ging durch das rechte Schulterblatt. Ein weiterer Stich ging tief bis zur rechten Lunge. Unversorgt wäre die Verletzung tödlich gewesen, berichtete die Ärztin.

Der rekonstruierte Tathergang

Am 3. Dezember 2017 liefen sich die vier Männer zufällig über den Weg - in einem einschlägig bekannten Lokal, das sich in der Avenue de la Gare in Luxemburg befindet.

Der Angeklagte hatte nach eigenen Angaben einige Euro in einen Spielautomaten „versenkt“. Weil der Spielautomat nicht mehr funktionierte, wollte er von der Kellnerin sein Geld zurück. Das wiederum gefiel der Kellnerin nicht, die ihn dazu aufforderte zu gehen, da die Sperrstunde bevorstand. Er solle am nächsten Tag wiederkommen. Danach sei es zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen, die in zunehmend aggressiver Weise geführt wurde. Die Frau habe ihn an den Haaren gezogen, so der Angeklagte. Es sei dann zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen, , bis der Lokalbesitzer die streitenden Parteien auseinander brachte.

Der Angeklagte hätte schließlich mit seiner Freundin das Lokal verlassen. Die drei Männer seien ihnen dann gefolgt. Er sei zunehmend in Bedrängnis geraten und hatte Angst, dass ihm seine Gegner zusammenschlagen würden. „Einer von ihnen ist dann sofort aggressiv auf mich losgegangen und warf mir vor, ich hätte die Kellnerin geschlagen“ berichtete E.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft stach E. dann mit einem Messer, das er zuvor unbemerkt von allen Beteiligten aus seiner Wohnung geholt hatte, mit Wucht in den Rücken des Opfers, um sich zu rächen

Der Angeklagte meint hingegen, er selbst habe nur Gewalt angewendet um sich zu verteidigen und um seine Freundin zu schützen.

Auf die vom Angeklagten ins Gespräch gebrachte Notwehr gab die Richterin klare Antworten: Sie machte deutlich, dass, wenn es sich hier um eine Notwehr gehandelt haben sollte, diese nicht angemessen war. „Auch Flucht wäre möglich gewesen.“ Das war dem Angeklagten schwer verständlich zu machen. Die Zeugen, die sich am besagten Tag im Lokal aufgehalten hatten wurden vor Gericht befragt wer beziehungsweise wie die Sache angefangen hatte. Während sich einige Zeugen mit direkten Schuldzuweisungen zurückhielten, wiesen drei Männer Saido E. als Hauptschuldigen aus.

Provokation?

Die Staatsanwaltschaft hat die mit „bedingtem Tötungsvorsatz“ geführten Messerstiche in den Rücken des Opfers als nicht durch Notwehr gerechtfertigt gewertet. Der Angeklagte sei in seinem Notwehrrecht beschränkt gewesen, da er sich selbst provozierend auf die Auseinandersetzung eingelassen habe. Nach dem Vorfall im Lokal habe er sich den Männern aufgedrängt.

Wenn es nach dem Staatsanwalt geht, soll der Kapverdier zehn Jahre wegen versuchten Totschlags hinter Gitter. Eine eventuelle Bewährungszeit stellte der Staatsanwalt in das Ermessen des Gerichts.

Das Urteil ist für den 15. Mai vorgesehen.