MERSCH
SIMONE MOLITOR

Karin Kremer, Direktorin des „Mierscher Kulturhaus“, über Bewährtes, Neues und Nischen

„Bestimmt wollen Sie über die ,Assises culturelles‘ reden“, mutmaßt Karin Kremer, die Direktorin des „Mierscher Kulturhaus“, als wir an diesem Tag Platz in ihrem Büro nehmen. Tatsächlich wollten wir das Thema am Ende unseres Interviews kurz streifen, aber nun gut, dann beginnen wir einfach mit der letzten Frage. „Es liegt alles in schriftlicher Form vor, der Großteil bereits seit der Unterzeichnung des Kulturpakts vor fast zehn Jahren, das Inventar ist gemacht, jetzt soll gearbeitet werden, und zwar zusammen. Es gilt nun, eine politisch verantwortliche Entscheidung zu nehmen. Das heißt, dass sich das Ministerium entscheiden soll, wie es sich das Ganze vorstellt“. So in etwa könnte man das resümieren, was Kremer in einem fünfminütigem Exkurs auf die ungestellte Frage antwortet.

Eigentlich hat unser Besuch in Mersch aber einen anderen Grund. Nachdem das „Cube 521“ in Marnach vor wenigen Wochen seinen zehnten Geburtstag feierte und deshalb eine Plattform in vielen Medien bekam, wollten wir uns in einigen anderen dezentralen Kulturhäusern umschauen und in Erfahrung bringen, wie es denn so läuft. „Sehr gut“, sagt die Direktorin vom „Mierscher Kulturhaus“, „aber natürlich könnte es uns noch besser gehen“.

Zusammenarbeit statt Konkurrenz

Wenige Autominuten von Mersch entfernt, befindet sich in Ettelbrück ein weiteres dezentrales Kulturhaus. Das „Mierscher Kulturhaus“ und das CAPE setzen seit Jahren auf Zusammenarbeit, so etwa mit ihrem Programm „CAKU“ für Kinder und Familien, das sie seit zehn Jahren gemeinsam auf die Beine stellen. „In dieser Zeit konnten wir mehr als 45.000 Kinder in über 500 Vorstellungen zählen. 106 verschiedene Projekte waren es, vom klassischen Märchen über gewagte Zirkusvorstellungen bis hin zum Krabbelkonzert für Babys ab drei Monaten“, listet die Leiterin des Merscher Kulturhauses auf.

Konkurrenz zwischen den einzelnen Häusern gibt es also nicht? Karin Kremer atmet lautstark aus: „Nein. Nein. Nein. Es gibt keine Konkurrenz, vielmehr können wir von einer Belebung unserer Kulturlandschaft reden. Wir ergänzen uns. Jeder hat ein bisschen seine Spezialität. Und jeder muss viel leisten“. Ein neues Projekt ist indes das Programm „Culture Up“ für Jugendliche zwischen zwölf und 19 Jahren, dies in Zusammenarbeit mit dem „Kinneksbond“ in Mamer.

Kultur vor der Haustür

Und wie ist es mit den Kritikern? „Die gibt es immer noch. Meistens handelt es sich dabei aber um Menschen, die in ihren Sesseln oder Bürostühlen sitzen und selbst noch nie ein regionales Kulturhaus von innen gesehen haben. Alle anderen dürften längst von der Idee dezentraler Häuser überzeugt sein. Wir befinden uns in unmittelbarer Nähe zu den Leuten, und das ist toll. Aufgrund des Lebensrhythmus‘, den die Menschen heutzutage haben, ist es manchmal nicht schlecht, wenn sie einfach innerhalb weniger Minuten an einem Ort sind, wo ein gutes Konzert, ein Theater- oder Tanzstück geboten wird, wo sie vielleicht auch noch ein Gläschen trinken und einen Happen essen können. Proximität ist extrem wichtig. Wenn man Kultur direkt vor der Haustür hat, ist das ein absoluter Mehrwert“, meint Kremer, die Mersch übrigens immer wieder gerne als Mittelpunkt oder Nabel der Welt bezeichnet.

Letzte Saison konnte das Kulturhaus-Team über 18.200 Besucher zählen. „Trotz dieser guten Bilanz müssen wir natürlich in Bewegung bleiben, weiterhin viel Energie investieren und uns doch etwas mehr auf die Hinterbeine stellen als die Kollegen in der Stadt, um mit unserem Angebot zu überzeugen. Das heißt nun aber nicht, dass wir uns jede Saison neu erfinden müssen, nein, wir setzen auch auf Kontinuität und versuchen, Bewährtes zu stabilisieren“, schildert sie die Philosophie des Hauses.

Plattform für unbekannte Künstler

„Übrigens liegt uns viel daran, auch unbekannten Künstlern eine Plattform zu bieten. Ich möchte hervorheben, dass die Pfadfinder oder die lokale Musikgesellschaft bei uns genauso professionell und mit Respekt behandelt werden wie ein Dietmar Bär beispielsweise. Da mache ich keinen Unterschied. Für diese Leute ist der jeweilige Abend ein wichtiger Moment“, erklärt Kremer weiter. „Noch dazu nehmen wir gerne Sachen ins Programm, die nicht in die Norm passen, die demnach etwas oder sogar viel anders sind. Wir wagen immer wieder Neues“, fügt sie hinzu und bezieht sich damit beispielsweise auf verschiedene künstlerische Projekte mit begleitender Gebärdensprache, das Tanzprojekt „blanContact“ mit dem langjährigen Partner „Fondation Kräizbierg“ oder das erste luxemburgische Schulfestival in englischer Sprache.

Das Programm der nächsten Saison wird indes zum Großteil - 95 Prozent - von Luxemburger Künstlern bestimmt. „Darauf bin ich richtig stolz. Ich wollte einfach zeigen, dass es möglich ist“, bemerkt die Direktorin.

Nische gefunden

„Unsere Nische haben wir definitiv gefunden. Wir sind immer auf den kleinen Wegen unterwegs, auf den Nebenwegen, wo wir bislang immer gut weitergekommen sind. Natürlich gab es auch schon mal Sachen, die beim Publikum nicht ankamen, totale Fehlgriffe, und klar schmerzt das auch. Das gehört dazu. Entmutigen lassen wir uns dadurch aber nicht. Sportler machen nach einem Misserfolg auch weiter“, lautet ihr Fazit am Ende.