Im Vergleich zu seinem amerikanischen Pendant wurde um das nun seit vergangener Woche fertig verhandelte Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Kanada bisher nur wenig bis gar kein öffentliches Aufheben gemacht wird, obwohl das so genannte „Comprehensive Economic and Trade Agreement“ (CETA) ebenfalls den umstrittenen Investorenschutz sowie die Möglichkeit der Schiedsgerichte vorsieht. Es mag viele Gründe hierfür geben.

Es überrascht aber umso mehr, als dass das kanadische Abkommen als Modell, quasi als Test für das amerikanische dienen soll. Getreu dem Motto „Wer A sagt, muss auch B sagen“ lassen sich in der Tat nur schwer Argumente dafür finden, die Handelsbarrieren mit Kanada inklusive besagter Klauseln abzubauen und den Amerikanern anschließend Steine in den Weg zu legen. Vielmehr scheinen die Ursachen für die stärkere Kritik am geplanten TTIP-Abkommen am Misstrauen zu liegen, das man diesseits des Antlantiks den Amerikanern gegenüber hegt. Vor allem die NSA-Affäre hat für viele wieder einmal bestätigt, dass die USA eine Weltmacht sind und die Amerikaner die Welt machen, wie sie ihnen gefällt. Das nicht wirklich überzeugende Auftreten der Europäer in der NSA-Affäre oder vielmehr das fehlende Vertrauen der Bürger in die Politik lässt bei vielen die Befürchtung aufkommen, dass die USA am Ende „wie immer“ ihre Interessen durchsetzen werden. Sicher ist jedenfalls: Sollte das kanadische Abkommen scheitern - demnächst werden die kanadischen Provinzen und die europäischen Staaten Stellung beziehen - „dann ist auch das mit den USA tot“, wie die „SZ“ vor wenigen Tagen einen hohen Kommissionsbeamten in Brüssel zitierte. EU-Handelskommissar Karel de Gucht stellte allerdings vor kurzem klar, die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft sei „quicklebendig“, so de Gucht in einer Stellungnahme in genannter Zeitung. Mit Blick über die Landesgrenzen hinaus hat die TTIP tatsächlich noch höhere Überlebenschancen und ist längst unumstrittener bzw. erhält keine so große öffentliche Aufmerksamkeit als in Deutschland oder auch Frankreich (wobei es hier wie dort viele „Ja aber“-Befürworter gibt). In vielen Ländern wie beispielsweise Polen oder Italien ist die TTIP jedenfalls kaum ein Thema, im krisengeschüttelten Spanien braucht man das Wachstumsplus, das TTIP-Befürworter gerne als stärkstes Argument vorbringen. Denn wer kann schon dagegen sein, dass, wie die Kommission vorrechnet, die europäische Wirtschaft jährlich um 119 Milliarden Euro wächst. Eine verführende Prognose für die sich nur langsam von der Krise erholende europäische Wirtschaft. Doch Wachstum als einziges Argument reicht in diesen Zeiten nicht mehr aus und wer so argumentiert, hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Bürger - und die Kommission hat „den Auftrag, für ganz Europa (...)zu sprechen“ - wollen weder Wachstum um jeden Preis und schon gar nicht auf Kosten von Umweltschutz- oder Verbraucherstandards. Dass eben jene, wie die Kommission immer wieder betont, gar nicht zur Debatte stehen, ist eine Sache. Doch am Ende könnte das Misstrauen überwiegen, weil die Angst vor der „untoten“ TTIP und ihren Begleiterscheinungen größer ist als das Vertrauen in die europäische Politik.