Die CSV probt also den „Neuanfang“. Naja, erstmal bleibt aber so ziemlich alles beim alten nach dem Kongress am Samstag, dem ersten seit 1974, bei dem sich die Volkspartei in der Opposition wieder findet. Laurent Zeimet erfüllt weiterhin das Amt des Generalsekretärs nachdem er sich beim Stechen mit einem ähnlichen Resultat wie vor zwei Jahren gegen den CSJ-Wunschkandidaten Serge Wilmes durchsetzte. Letzterer wollte wie seine Kommilitonen aus der christsozialen Jugendsektion gleich Gas geben, um die Partei umzukrempeln. Der neu-alte Generalsekretär kündigte seinerseits im „CSV Profil“ an, die Partei sollte sich erst nach den Europawahlen „die Zeit nehmen, um eine Diskussion über die Zukunft zu führen“. Auf dem Programm steht also wohl eher die von den Altvorderen gepredigte „Weiterentwicklung“ der Partei als die von der CSJ geforderte Umstrukturierung von einem auf einen „Leader“ fokussierten Wahlverein zu einer echten programmatischen Denkfabrik. Für den sachten Weiterentwicklungs-Kurs steht auch der mit knapp mehr als 80% gewählte neue Präsident Marc Spautz, der bestbekannte Ministersohn, Kurzzeit-Minister, Ex-Generalsekretär und Ex-Fraktionschef.

Mal sehen, ob die beiden Spitzenleute aus dem Südbezirk ihren Lippenbekenntnissen vom Samstag irgendwann Folge leisten und der grössten Oppositionspartei gemäss der vom Kongress angenommenen Zukunfts-“Roadmap“ nicht zuletzt durch die konsequente Förderung der parteiinternen Demokratie eine neue Dynamik zu verleihen vermögen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine gründliche „Gewissenserforschung“, bei der schonungslos analysiert wird, weshalb die CSV in die Opposition geriet. Der Kongress zeigte, dass bislang nicht erkannt wurde, dass es vor allem das ständige Übermacht-Gebahren gegenüber den wechselnden Koalitionspartnern, die unbedingte Machtkonzentration in den Händen des Ex-Premiers, die Duldung von Dysfunktionen im Staat aus machtpolitischen Gründen und das System, Reformen immer erst durchzuführen, wenn sie unausweichlich wurden waren, durch die sich die CSV am Ende selbst ins Abseits manövrierte.

Stattdessen rempeln die Parteigranden lieber weiter gegen die Dreier-Koalitionäre. Und pflegen vor allem die Legende des Verrats des langjährigen CSV-Regierungspartners LSAP. Derweil wird den amtierenden Ministern einerseits vorgeworfen, Politiken der Vorgängerregierung weiter zu führen und Teile ihrer Wahlprogramme über Bord geworfen zu haben. Andererseits wird die nun seit effektiv zwei Monaten amtierende Regierung Bettel-Schneider als „Chaostruppe“ gebrandmarkt, weil sie Politik-Konzepte breit diskutieren will, anstatt von oben herab zu dekretieren. Dass der Vorwurf ausgerechnet am schärfsten von Jean-Claude Juncker vorgebracht wurde, ist ein starkes Stück. Hat der Mann in den letzten Jahren nicht des öfteren zugeben müssen, dass er „suboptimal“ regiert habe? Und hat die neue Regierung derzeit nicht alle Hände voll zu tun, um die Konsequenzen davon auszuräumen? Aber nun ist die CSV ja völlig losgelöst von irgendwelcher „Koalitionsräson“, wie am Samstag - mit leicht bitterem Unterton - gleich mehrmals unterstrichen wurde. Was sie mit der neuen „Freiheit“ tatsächlich anfängt und wie die angekündigte „konstruktive Oppositionspolitik“ aussieht, ist allerdings längst nicht abzusehen.