LUXEMBURG
SOPHIA SCHUELKE

Fotografische Alltags- und Milieustudien auf Luxemburgs Straßen: Profis berichten aus der Praxis

Ein Foto von einem jungen, sich küssendem Paar auf einem Platz, wunderschöne Straßenszene, noch dazu im Gegenlicht. Sollte man dieses Musterbeispiel der Straßenfotografie nun als Bild des Tages oder im Lokalteil der Zeitung drucken oder nicht? Hat der Fotograf keine Gelegenheit, das Einverständnis der beiden für das Foto einzuholen, soll angesichts einer Veröffentlichung des Fotos immer abgewogen werden: Persönlichkeitsrechte der Fotografierten und die freie Meinungsäußerung des Fotografen.

Um genau diese Frage, aber auch die Entwicklung der Straßenfotografie im Allgemeinen, drehte sich gestern ein Gespräch im „Lëtzebuerg City Museum“ mit den Fotografen Marc Wilwert und Guy Wolff. Zeitgleich wurde das neue Ausstellungsmagazin zu der aktuellen Sonderausstellung „Leit an der Stad. Luxembourg Street Photography, 1950-2017“ vorgestellt. In der Schau werden an die 200 Fotos gezeigt. Aus den 50ern, 60ern und 70ern gibt es Bilder von Pol Aschman, Batty Fischer, Tony Krier, Édouard Kutter, Théo Mey, Marcel Schroeder und Marcel Tockert zu sehen, die Jahre 1990 bis 2000 haben zeitgenössische Künstler, darunter das Kollektiv „Street Photography Luxembourg“, dokumentarisch festgehalten.

Überlegen killt den Moment

Guy Wolff, der für das „Luxemburger Wort“ fotografiert, konnte in seiner bisherigen, 24 Jahre dauernden Karriere einiges an Veränderungen feststellen. Bessere und kleinere Kameras, aber auch Selfie-Manie und durch das Internet bedingtes Verlangen nach immer mehr Schnelligkeit. „Früher hast Du mit Deiner Leica ein Foto gemacht und kein Mensch hat reagiert, heute posieren sie direkt oder sagen, dass sie nicht fotografiert werden wollen.“ Dabei sind er und Wilwert sich in dem Punkt einig, dass dieser Wunsch, wenn der Betreffende das zentrale Thema des Fotos ist, respektiert werden muss. Wolff informiert die Protagonisten seiner Straßenfotos über das Bild, das er von ihnen gemacht hat: „Das ist ein sozialer Aspekt für mich“. Ist der Abgelichtete nur klein auf einer Straßenszene zu sehen, liegen die Dinge anders.

Die Kunst der Straßenfotografie wird für ihre Unmittelbarkeit und Kurzweiligkeit bewundert, für das Festhalten jener Dynamik, mit welcher der Städter durch die urbanen Landschaften streift und in einem selbstvergessenen Moment einen Teil seiner Persönlichkeit aufblitzen lässt. Für einen solch gelungenen Schnappschuss braucht es Zeit zum Beobachten, das Warten auf den richtigen Moment, wie Wolff aus seiner Erfahrung berichtet. Was es dafür noch braucht, ist Spontaneität. „Sobald Du darüber nachdenkst, ob Du das Foto machst oder nicht, ist der Moment gestorben, ebenso wenn der Fotografierte dich entdeckt“, führt Wolff aus.

Die Mode Selfies zu schießen, beobachten die beiden Profis mit besonderem Interesse. „Auch das Selfie ist ein Zeitdokument und ein soziales Phänomen, das ich interessant finde“, sagt Wilwert, der für „Photothèque de la Ville de Luxembourg“ im Einsatz ist. Wolff hat erfahren, dass die Menschen „kein Problem haben“, die Kontrolle über ihr Selfie zu verlieren, wenn sie es online stellen, wohl aber, wenn ein Fotograf sie in einer Situation festhält, in der sie sich nicht wohl fühlen. Auch für Wilwert ein Paradox, das er sich aber über die im Selfie steckende Selbstverherrlichung erklärt: Wer sich fotografiert, kann sich in den Fokus stellen und hat die Kontrolle, dass das Selfie, subjektiv, gut geworden ist.


Die Ausstellung „Leit an der Stad. Luxembourg Street Photography, 1950-2017“ ist noch bis zum 31. März im „Lëtzebuerg City Museum“ zu sehen