LUXEMBURG
DR. HENRI HOSCH

Den religiösen Mythen, Riten und Symbolen auf der Spur

Auch wenn das äußere Erscheinungsbild der alten ägyptischen Mythologie mit ihren unzähligen Gottheiten, die für einen Laien wie Comic-Figuren aussehen, nicht mit den drei abrahamitischen Religionen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen ist, so ist der substantielle Unterschied doch äußerst gering. Die alte ägyptische Religion ist nämlich fundamental monotheistisch.

Schaffung der Reichgötter

Nach der politischen Vereinigung Ober- und Unterägyptens gab es noch keine einheitliche Religion. Jeder Landstrich, jede Siedlung ehrte ihren eigenen Gott oder Göttin, aber wegen der Vorherrschaft verschiedener Gebiete erhielten deren Gottheiten den Status eines Reichsgottes. Die vielen Götter verschmolzen ineinander, und so entstand schon vor 5.000 Jahren ein ausgesprochen einheitlicher Charakter der Religion am Nil. Aus dieser allgemeinen Mythologie entwickelte die Priesterschaft eine Theologie, aber für den einfachen Menschen wurde Gott nie zu einem abstrakten Begriff.

Die allerhöchste Gottheit war die Sonne, der Gott Ra (Re), und bedeutende Gottheiten aus dem ganzen Reich wurden im laufe der Zeit immer eindeutiger mit dem Sonnengott identifiziert. Mit dem Aufstieg der Stadt Theben (luxor) erhielt der höchste Gott den Namen Amun-Re (auch Amon oder Amen!). Der Pharao war der Sohn Gottes und dessen Stellvertreter auf Erden, und die Priester galten als Vermittler zwischen dem Pharao und Gott, dem Vater. Dem offiziellen Monotheismus, mit ausschließlicher Sonnenverehrung, sollte aber der endgültige Durchbruch nie gelingen. Die Priesterschaft, die beflissen war, ihre immensen Privilegien zu verteidigen, setzte alles daran, die künstliche Fassade der Vielgötterei langfristig zu erhalten.

Als Ägypten den Höhepunkt seiner Kultur erreichte (1500 v. Chr.), hatte die Priesterschaft des dominierenden Amon-Re -Tempels in Theben einen enormen Reichtum angehäuft. Ihr Oberpriester, der sämtlichen Priesterkollegien ganz Ägyptens vorstand, wurde immer machtbesessener. Seine Machtgier gipfelte schließlich in einer wirklichkeitsfremden Überheblichkeit (1100 v. Chr.). Die Oberpriester, die wie sämtliche anderen Priester auch Gelehrte, Forscher, Ärzte, Architekten U.S.W. sein konnten, entwickelten sich mit der Zeit zu regelrechten Priesterkönigen, was unweigerlich zu einer Zerrüttung der staatlichen Strukturen führte. Als Pharao Amenophis IV (Achenaten-ca 1370 v. Chr.), mit dem Ziel, seine von der Priesterschaft bedrohte Macht wieder zu festigen, die Göttervielfalt kurzerhand abschaffte und die Religion auf die exklusive Anbetung der Sonnenscheibe Aton - als Ersatz für den sowieso alles dominierenden Amon - reduzierte, hatte er eigentlich die monotheistische Gottesvorstellung des Christentums in einem gewissen Sinne vorweggenommen. Aber er wurde sofort von seiner übermächtigen Priesterschaft angegriffen und als Ketzer verurteilt, seine Sicht der Religion wurde verdammt, und alle Spuren, die sie hinterlassen hatte, wurden gelöscht.

Himmelskönigin als Bindeglied

In der späten Antike (griechisch-römische Epoche) sollte dann der Isis- und Osiris-Mysterienkult eine sehr große Bedeutung und Verbreitung im ganzen Mittelmeerraum erreichen. Die osirische Vater-Mutter-Sohn-Dreifaltigkeit erfreute sich bald einer sehr großen Beliebtheit bei den Menschen. Eine besondere Verehrung genoss die über alles geliebte Himmelskönigin Isis. Der Weg zum offiziellen Monotheismus war somit geebnet. Von den drei großen monotheistischen Religionen, die sich alle auf den Stammvater Abraham berufen, sind das Judentum und das Christentum aus der altägyptischen Religion abgeleitet, während sich der Islam aus den beiden Erstgenannten entwickelt hat. Übrigens: Abraham heißt auf ägyptisch „ im Herzen der Majestät Ra“.