LUXEMBURG
MARCUS STÖLB

Alain Berenboom erzählt die Geschichte seiner Eltern

Im Grunde genommen haben meine Eltern recht. Du bist nichts als ein dreckiger Jude! Hau ab, dreckiger Jude“, schleuderte Salvatore Adamo ihm entgegen. Der junge Alain verstand die Welt nicht mehr: „Ich hätte es verstanden, wenn er mich mit „dreckiger Neger!“ beschimpft hätte, weil ich Lumumba verteidigt hatte und das Eingreifen der Belgier in ihrer alten Kolonie skandalös fand. Aber „dreckiger Jude“? Also nein, wirklich, was wollte er mir damit sagen?“, wird der Beschimpfte Jahrzehnte später schreiben und feststellen: „Bei meiner Erziehung war gewissenhaft jede Spur von Judentum ausgeklammert worden, so sehr, dass ich mir kaum bewusst war, Jude zu sein.“

Wahre Geschichte

Dass sich Alain Berenboom seiner jüdischen Herkunft kaum bewusst war, dafür hatte allen voran sein Vater gesorgt. Chaïm Berenbaum war in den 1920ern aus dem polnischen Maków ins belgische Lüttich gezogen, um dort Pharmazie zu studieren. Sein Ziel, durch und durch Belgier zu werden, verfolgte er - notgedrungen - noch intensiver, als im Nachbarland die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren und die Verfolgung der Juden immer grausamere Dimensionen angenommen hatte.

Chaïm und seine wunderschöne Frau Rebecca erlebten Shoa und antisemitischen Terror, doch ihre tragische Geschichte werden sie ihrem gemeinsamen Sohn zeitlebens vorenthalten. Erst drei Jahrzehnte nach dem Tod des Vaters macht sich Alain Berenboom auf die Suche, nun erzählt er anhand von Briefen und Dokumenten die wahre Geschichte des „Monsieur Optimist“.

Berenboom erzählt nicht bloß das Leben eines Mannes, der sein schlimmes Schicksal ausblendet, um die Nachgeborenen und wohl auch sich selbst zu schützen, sondern er ruft auch weitgehend in Vergessenheit geratene Phänomene wie die Kollaboration und den Opportunismus belgischer Antisemiten in Erinnerung. Und der Autor stellt sich und den Lesern Fragen, die auch seinen Vater umtrieben: „Wie schaffte es ein kleines Volk, das von den Römern in die letzten Winkel Europas, Nordafrikas und des Orients auseinander gejagt worden war, zu überleben, ohne sich mit den örtlichen Bevölkerungen zu vermischen, mit der Kultur und vor allem der Religion ihrer Gastgeber?“„Monsieur Optimist“ ist ein persönliches und zwischen heiter, tragisch und tragikomisch changierendes Buch, bei dem Einsprengsel jüdischen Witzes nicht fehlen.


Alain Berenboom, Monsieur Optimist,

Verlag Ullstein 2015, 288 Seiten