HUARAZ
YANNIS BASTIAN

Weltumradler Yannis Bastian zieht nach über zwei Jahren auf Reise eine erste Bilanz (2)

Ich bin durch echte Natur- und Fahrradparadiese gefahren, allerdings kann ich auch einige Länder auflisten, die meinen Vorstellungen nicht gerecht wurden. Die größte Enttäuschung war zweifellos Costa Rica. Das drittkleinste Land Mittelamerikas setzte sich über Jahre hinweg als farbenfrohes, dschungelbewachsenes und tierreiches Abenteuerparadies in meiner Fantasie fest: Giftgrüne Frösche, faustgroße Käfer und leuchtend bunte Schmetterlinge - Costa Rica würde mit einer breiten Farbpalette nur darauf warten, meine Sinne zu färben. Die anfangs sehr hohe Begeisterung erlebte gleich mit dem ersten Frühstück einen Dämpfer. Costa Rica stellte sich als eines der teuersten Länder der gesamten Reise heraus. Darüber hinaus führte die Vielzahl wenig authentischer Touristenangebote zum Gefühl, sich in einem künstlich angelegten Abenteuerpark zu befinden, für den adrenalindurstige Urlauber auf der Jagd nach dem „Höher-weiter-schneller“- Erlebnis auch gerne anstehen und fast jeden Preis zahlen. Vielleicht bin ich aber auch nur den Tourismus und größere Menschenmassen nicht mehr gewöhnt.

Heimatgefühle - die Begegnung mit Luxemburgern

Meinen älteren Bruder und dessen Freundin habe ich vergangenes Jahr im Dezember in Neuseeland getroffen. Ein halbes Jahr später traf ich meinen Vater für ein paar Wochen in Mexiko und Belize. Nur vier Monate später bekam ich in Kolumbien Besuch von meiner Mutter und meiner Schwester. Es ist ein sehr schönes Gefühl, die Familie nach über zwei Jahren wiederzusehen. Natürlich ist es auch sonst immer ein besonderes Gefühl, Menschen aus Luxemburg zu treffen. In San Francisco beispielsweise verbrachte ich ein paar schöne Tage mit Laurent und Casandra. Laurent ist vor über einem Jahr mit Aussichten auf ein entspannteres Leben nach San Francisco gezogen. Als begeisterter Mountainbikefahrer fand er schnell Arbeit in einem lokalen Fahrradshop. Über das soziale Netzwerk wurde er auf meine Reise aufmerksam und lud mich spontan ein. In Nicaragua wurde ich von Christian empfangen, der als Sekretär bei der luxemburgischen Botschaft in Managua arbeitet. Ursprünglich aus meinem Nachbardorf stammend dauerte es über 22.000 Kilometer, bis wir das erste Mal Bekanntschaft machten. Vor Menschen wie Laurent und Christian habe ich großen Respekt, da sie entgegen der allgemeinen Erwartung die Leichtigkeit eines sicheren und geregelten Lebens in Luxemburg hinter sich ließen, gewisse Unsicherheiten und Risiken auf sich nahmen, um den Drang nach Erweiterung des Blickfeldes zu stillen und sich neuen Aufgaben außerhalb der eigenen Komfortzone zu widmen.

Meiner Ansicht nach werden Gefahren subjektiv wahrgenommen. Die Komfortzone wächst mit der Aneignung des Fremden und Unbekannten, und minimiert dadurch die subjektiv wahrgenommenen Gefahren. „Man muss sich die Welt zur Freundin machen, um in ihr leben zu können“, so der Kinderbuchautor Horst Eckert, alias Janosch. Man wird weltoffener, toleranter und vertrauensvoller.

„Man muss sich die Welt zur Freundin machen“

Bei meinem Aufenthalt in einem Hostel in Bogota musste ich mich zusammenreißen, als ich die Reisegeschichten von Lenny zum wiederholten Mal hörte. Lenny, ein Australier Mitte 20, der offensichtlich dazu neigt, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, liebte es, andere Reisende mit seiner bisherigen Route in Staunen zu versetzen. In sechs Wochen sei er ausschließlich mit dem Bus von Guatemala über Nicaragua und Costa Rica bis nach Panama gereist. Nur El Salvador und Honduras habe er bewusst vermieden, weil es in diesen Ländern wirklich sehr gefährlich sei. Während seine begeisterten Zuhörer ihm großen Respekt für seine „Leistung“ entgegenbrachten, zog sich mir das Herz zusammen angesichts seiner pauschalisierten Darstellung genau dieser Länder, die er eben nicht bereist und von deren momentaner Situation er keine Ahnung haben konnte. Während meines Aufenthalts in Honduras und El Salvador habe ich mich zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt. Ganz im Gegenteil - in El Salvador beispielsweise wurde ich jeden Abend eingeladen, mein Zelt im Garten des Gastgebers aufzustellen. Mir wurden Abendessen und Frühstück gereicht, und am Morgen meines Geburtstags sang eine gesamte Kirchengemeinde mir ein Ständchen. Unglücklicherweise ist es der schlechte Ruf, der diesen Ländern vorauseilt. Ein Ruf, der vor allem durch die Medien, aber auch durch Menschen wie Lenny, negativ beeinflusst wird. Am besten man macht sich selbst ein Bild - die Welt ist sehr viel freundlicher, als wir uns das vorstellen.

Neue Sichtweise auf mein Heimatland

Auch ich war anfangs sehr misstrauisch. Die vielen Ängste und Sorgen, die mich bei meinem Start begleiteten, lösten sich recht bald und ließen mein bisheriges Weltbild zu etwas aufblühen, das ich mir in solcher Schönheit nie hätte vorstellen können. Das meine ich vor allem in Bezug auf die Gastfreundschaft: Es ist kaum in Worte zu fassen, mit welcher Herzlichkeit und Gastfreundschaft ich fast überall in der Welt empfangen wurde. Neben dem in seiner Offenheit wohl kaum zu übertreffenden Neuseeland erfuhr ich vor allem in den eher ärmeren Ländern die größte Gastfreundschaft: Laos, Kambodscha, El Salvador. Hier haben die Menschen nicht viel und wollen dies dennoch teilen. Während ich fast überall in der Welt eine sehr starke Offenheit mir gegenüber verspürte, so erinnere ich mich, dass man in den mitteleuropäischen Ländern doch eher eine gewisse Distanz walten ließ. Wir leben in Mitteleuropa in einer Art Schuhkarton, dessen Deckel wir möglichst häufig geschlossen lassen wollen, um uns gegen Fremdes abzuschirmen - durch die schmalen Grifföffnungen an den Seiten ist unsere Sicht auf die Welt draußen relativ engstirnig. Wir glauben das, was uns vor die Kiste gesetzt wird. Auch in den Vereinigten Staaten wirken die Menschen eher verschlossen.

Die Reise hat also zweifelsfrei meine Sichtweise auf Luxemburg, wie auch mich als Person geändert. Materialismus ist der Motor unserer Gesellschaft. „Ich habe, also bin ich“. Meines Erachtens besteht ein grundlegender Denkfehler darin, dass wir glauben, Lebensqualität an der Quantität materieller Besitztümer festmachen zu können. Auf der ständigen Jagd nach dem vermeintlichen Glück arbeiten wir uns krank und vergessen dabei zu leben. Vielmehr sollten es jedoch die neuen Erfahrungen, die Begegnung mit dem Unbekannten und die Neugierde am Leben sein, die „Qualität“ in diesem Zusammenhang beschreiben. Am Ende sind es doch die Erfahrungen, die zu Erinnerungen heranreifen und das Leben jedes Einzelnen definieren, während die materiellen Besitze in den Garagen rosten. Ein Leben erfüllt sich nicht durch materielle Anhäufungen, sondern durch Erlebnisse.

Die Reise hat mich gelehrt, mit viel weniger zufrieden zu sein, offener auf Menschen zuzugehen und gelassener auf Probleme zu reagieren. Gerade dieser letzte Aspekt bereitet mir große Sorgen, da es zu einem Konflikt mit der in Luxemburg doch recht niedrig liegenden Problemtoleranz kommen könnte.

Die letzten Monate meiner Reise

In Südamerika fahre ich, nach Kolumbien und Ecuador, weiter durch Peru, Bolivien und Chile. Ende März will ich in Ushuaia, ganz im Süden Argentiniens ankommen. Meine Schlussetappe in Europa führt von Amsterdam nach Luxemburg. Ich freue mich sehr auf die noch bevorstehenden Länder und meine Reise durch die Anden. Gleichzeitig kann ich es aber auch kaum erwarten, mein Rad auf den letzten paar Kilometern durch Europa ausrollen zu lassen und wieder zuhause anzukommen.

Verfolgen Sie Yannis’ Blog: www.yanniswca.com uns seine Facebookseite: www.facebook.com/yannisworldcyclingadventure. Die früheren Artikel von ihm gibt es hier.