LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Wer den Mann hört, kann es kaum glauben. „Kommt hierher, kommt zu uns - wenn es fundamentale Änderungen an eurer Position gibt.“ Wer da so tönt, ist Boris Johnson. Der großspurigste aller britischen Premiers hatte zuletzt selbst eine Frist für den 15. Oktober gesetzt, um mit der EU zu einer Einigung über die künftigen Beziehungen zur EU zu kommen. Jetzt schmückte er das Ende derselben  mit Getöse und Vorwürfen: Die EU verhandele nicht ernsthaft. Sein Land müsse sich deswegen ab Januar 2021 auf eine neue Situation einstellen. Es mache nur Sinn, dass Chef-Unterhändler Michel Barnier nach London komme, wenn die EU bereit sei, intensiv über den Rechtstext zu sprechen und nicht nur Großbritannien Zugeständnisse abzuverlangen, sagte ein Regierungssprecher am Freitag, der noch eine Schippe drauf legte. Denn Ende des Jahres läuft die Übergangszeit ab, in der Großbritannien noch EU-Regeln anwendet.
Es kommt einem so vor, als ob der totale Realitätsverlust eine Folge von Johnsons COVID-19-Infektion ist. Nicht, dass der Mann vorher schon klar war. Aber was er hier abzieht, ist ein Schmierentheater. Sein Land als Opfer hinzustellen, nachdem er gerade erst internationales Recht gebrochen hat, ist schon ein dicker Hund.
Ganz offensichtlich will er das Vereinigte Königreich jetzt auf den harten Bruch mit der EU vorbereiten. Das Zynische daran: Der dürfte breiten Bevölkerungsschichten zu schaffen machen – aber eben nicht ihm. Er ist ja abgesichert; von der speziellen medizinischen Vorzugs-Versorgung bis hin zu allen Privilegien, die für den Premier in Großbritannien so existieren.
Ganz anders sieht es dagegen für sein Land aus. Nicht nur, dass dort die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg tobt. Nein, es ist auch schon klar, dass ein Brexit sie nur verschärfen kann. Und obenauf kommt dann noch die Coronakrise, die in Großbritannien weitaus schlimmer ausfällt als in anderen Ländern und jetzt sogar zu einem Lockdown von Manchester führen könnte. Auch das hat Johnson zu verantworten. 
Doch wer seine Fernsehansprache hört, der hat das Gefühl, der Mann will sein Land in einen Krieg führen. „Total inakzeptabel für ein freies Land“ – „Kontrolle aus Brüssel“ – die alten Schlagworte fallen. Dahinter steht die einfache psychologische Idee, dass nichts ein Land so eint wie ein Feind von außen. Und der heißt für Johnson schon lange EU.
Analysten in London sagen: Alles halb so wild, das ist nur Getöse. Schließlich soll EU-Unterhändler Barnier ja kommende Woche in London erscheinen. Vielleicht kommt er ja. Aber nach endlosen Verhandlungen ist jeder müde. Da muss sich Johnson nicht wundern, dass die Signale der Staats- und Regierungschefs auf dem EU-Gipfel nicht sehr ermutigend geklungen haben. Zwar hatte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen nach Johnsons Ansage dennoch angekündigt, die Verhandlungen über einen Handelspakt in der kommenden Woche in London fortsetzen zu wollen. Und auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hofft auf einen Vertrag. Doch auch die EU geht langsam von einem No Deal aus. Wer hat schon Lust, sich dauernd erpressen zu lassen?
Die gute Nachricht lautet: Es geht aufs Ende zu und beide Seiten pokern hoch und höher. Die schlechte lautet: Bei diesem Spiel kann man verlieren.