LUXEMBURG
LUC SPADA

Schlagzeile: Mutter und Kind in Frankfurt vor Zug gestoßen. Schlagwörter: Mann. Eritrea. Zug. Wut. Trauer. Experten berichten, dass es ähnliche Taten in Berlin gab. Im Rheinland. Überall auf der Welt. Unbekannte Männer stoßen ihnen unbekannten Menschen vor den Zug. Konsequenz: Opfer schwer verletzt überlebt oder tot. Einfach tot. Die Taten sind unerklärlich. Die Angehörigen untröstlich. Wie wird damit umgegangen? Schnell kommen Psychiater zu Wort. Schnell haben Journalisten die immer gleichen Fragen parat. War der Täter Ausländer im jeweiligen Land, wo er die Tat begangen hat? War er polizeibekannt? Die Biografien der Täter werden ausgeschlachtet. Es wird von eigentlich gut integrierten Menschen gesprochen. Es werden Blutproben genommen, es werden Kokainspuren gefunden. Die Rassisten melden sich. Zurück in ihr Land. Schubst jetzt jeder mit Kokainspuren im Blut andere unbekannte Menschen vor einen Zug? Da läge halb Berlin auf den Gleisen. Der Tatverdächtige aus Frankfurt hatte auch Kinder. Warum stößt er andere Kinder vor einen Zug? Warum reden wir über seine Herkunft? Egal, zurück nach Eritrea, schreit der Mob lauter. Würde er in Eritrea niemanden vor den Zug stoßen? Probleme verschieben, nicht lösen.

Ich denke an Perspektive, an Zukunft und wie viele Menschen überhaupt die Möglichkeit haben, der Zukunft eine faire Chance geben zu können. Irgendwann tun Menschen möglicherweise Schreckliches, wenn sie nicht mehr das Gefühl haben, „dabei“ sein zu dürfen. In Sibylle Bergs Buch „GRM BRAINFUCK“ werden oft Szenen beschrieben, wie Menschen, vom Rand der Gesellschaft aus, beobachten, wie „die Reichen“ es sich gut gehen lassen, im Überfluss leben, währenddessen sie selbst Tag für Tag um ihre Existenz kämpfen müssen. Die altbekannte Schere, die immer weiter auseinander driftet. Es besteht zunehmend die Gefahr, dass immer mehr Leute sich nicht mehr mit ihrem Umfeld verbunden fühlen, sich abkapseln oder abgekapselt werden und dann passiert Grausames. Nicht immer, aber gefühlt immer öfters. Solche, denen es gut geht, kapseln sich auch immer mehr ab, errichten Zäune, installieren Alarmanlagen und schnelles Internet.

Das Kind hat keine Zukunft mehr. Der mutmaßliche Täter auch nicht mehr. Ich denke an die Kommentare aus dem Internet, die, mit aller ihnen zur Verfügung stehenden verbalen Gewalt, diesem Täter den Tod wünschen. Obwohl wir uns darauf geeinigt haben, als Gesellschaft, dass die Todesstrafe abgeschafft gehört. Sie schafft zwar den Menschen ab, aber nicht das Problem.

Es ist die Herangehensweise, wie mit unverständlichen Taten umgegangen wird, die, unabhängig ihrer Grausamkeit, nicht die Gesamtheit des Problems, sondern immer nur die „schlagzeileneffektivste“ Absicht angeht. Und Schlagzeilen lösen keine Probleme. Menschen lösen Probleme. Wenn sie denn wollen.