LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über die Tücken des Verzeihens

Feierabend! Es ist Zeit für das allabendliche Trash-TV-Entspannungsprogramm! Ich schalte den Fernseher an und siehe da, ach, wie süß, nach 87 Staffeln und 17.400 Sendeminuten haben Chantal und Kevin endlich zueinander gefunden! Das Liebesglück währt aber natürlich nicht lange, denn sonst wäre die Geschichte ja nach 879 Episoden bereits zu Ende erzählt! Nein, kaum hat der Kevin seine Chantal erobert, knutscht er fremd.

Vergebung als Gefühl

Was folgt, ist eine Litanei des Leidens, die der Zuschauer nur mit Ach und Krach und aufgrund der nötigen Faulheit, nach der Fernbedienung zu greifen und den Sender zu wechseln, über sich ergehen lässt. Beinahe unerträglich ist das mit anzuschauen, und zwar deswegen, weil die Situation so absurd ist und die Lösung so einfach wäre. Chantal leidet. Kevin leidet. Chantal liebt Kevin. Kevin liebt Chantal. Chantal müsste Kevin nur verzeihen und schon wäre alles wieder in Butter! Vater unser im Himmel, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Amen. Check.

In den Zeilen des christlichen Gebets klingt das doch so, als geschähe Vergebung so schnell wie ein Fingerschnippen, als wäre es so einfach wie „Bonjour“, so selbstverständlich wie atmen!

Augenscheinlich braucht es nur ein wenig (guter) Wille, muss nur eben mal schnell über den eigenen Schatten gesprungen werden. Aber ganz so einfach ist das natürlich nicht. Mit der richtigen Einstellung und der Bemühung allein ist es nicht getan. Wenn wir sagen: „Ich vergebe dir“, so erweckt das den Anschein, es bedürfe nur des Aussprechen dieses Satzes und die Vergebung wäre vollbracht. Dass dieser Satz aber das Endprodukt eines langen geistigen und emotionalen Verarbeitungsprozesses ist, das wird dabei nicht deutlich. Verzeihen ist kein simpler Akt. Es ist ein Gefühl. Und zu Gefühlen können wir uns nicht willentlich entscheiden. Vergebung also, die nur mündlich ausgesprochen, aber nicht innerlich gefühlt wird, ist nicht vollständig, nicht echt. Es kommt leider nicht nur darauf an, verzeihen zu wollen. Das wäre simpel. Ob verziehen wird, hängt auch daran, es zu können.

Innerer Zwiespalt

Es ist natürlich völlig richtig, an den Willen zu appellieren, den wir in der Hand haben. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir sozusagen noch einen zweiten Willen besitzen, der sich unserem Bewusstsein und Einfluss auf mysteriöse Weise entzieht, der ein unerklärliches Gefühl ist. Unsere beiden Willen können uns entzweien, wenn wir uns bewusst wünschen, zu verzeihen, dieser zweite eigenbrötlerische, gefühlsduselige, unvernünftige, im Unterbewusstsein operierende Wille aber nicht mitmacht. Da können andere so streng mit uns sein, wie sie wollen, da können wir uns hundert Mal in den Poppes beißen, wenn der Wille mit seinem eigenen Willen nicht will, dann sind wir völlig machtlos.
Wir können natürlich lügen und dennoch behaupten, zu verzeihen, weil wir glauben, dazu wären wir als gute Menschen verpflichtet. Weil wir uns erhoffen, dass das Gegenüber sich so besser und von seiner Schuld befreit fühlt, und dass die Materialisierung der Worte „ich verzeihe dir“ ausreicht, dass auch wir selbst daran glauben beziehungsweise dass wir unseren zweiten Willen überzeugen können.
Meistens jedoch braucht es mehr – vor allem mehr Zeit. Zeit, in der Dinge passieren können, die sich zwischen uns und die zu verzeihende Tat stellen. Zeit, die es uns ermöglicht, das Prozessierte zu verdauen. Zeit auch, die es dem Schuldiger erlaubt, das Geschehene wieder gut zu machen, wenn wir ihm denn die Chance dazu geben und diese nicht durch zu hohe Anforderungen an ihn zunichtemachen.

Die „nachhaltigere“ Lösung

Abgesehen davon, ist es natürlich am besten, wenn das, was entschuldigt werden muss, gar nicht erst eintritt, wenn wir von vornherein vorsichtig bei unseren Taten vorgehen und unsere Worte mit Bedacht wählen. Denn womöglich gibt es Dinge – wie Kevins Fremdgeknutsche –, die gar nicht verziehen werden sollten. Vielleicht hat Chantal recht, wenn sie hart bleibt. Ethik und Religion machen uns zwar weis, dass wir stets und schnell vergeben müssen, aber ist dem auch wirklich so? Verzeihen ist wichtig, zweifellos. Aus einer Mücke darf kein Elefant gemacht werden. Aber ich finde es falsch, uns ein schlechtes Gewissen einzureden, wenn wir Dinge, die uns angetan wurden, nicht ohne Weiteres hinter uns lassen können. Denn wenn wir nicht verzeihen, dann meist nicht aus einer Kalkulation heraus, nicht aus Sturheit, nicht aus Stolz. Nicht vergeben tun wir, davon bin ich überzeugt, wenn wir ernsthaft verletzt wurden.

Ich finde, nicht ein halbherziges „es sei dir vergeben“ ist ein Zeichen von Größe. Denn schöne Worte zu formen, ist leicht. Anzustreben ist vielmehr der Mut, aufrichtig und offen mit den eigenen Gefühlen umzugehen, ist ehrliche Kommunikation. Verzeihen ist nicht das Optimum, wenn im Anschluss geschwiegen wird. Wenn die Vergangenheit mit einer vorschnellen und halbherzigen Vergebung unter den Teppich gekehrt wird. Das ist nicht Vergebung, das ist Flucht. Konflikte müssen bewältigt, nicht ungelöst abgehakt werden. Nur so kann eine zwischenmenschliche Bindung dauerhaft gefestigt werden.

Wie oft im Leben hören wir: „Ich verzeihe dir“ und merken dann, dass das gar nicht stimmt und das Gegenüber uns nach wie vor Vorwürfe macht. Ich finde, das ist nicht richtig. Verzeihung zu fühlen, funktioniert nicht auf Knopfdruck. Es ist ein langwieriger Prozess. Und es ist wichtig, dass wir uns das eingestehen dürfen.