LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Wie die Tugend zum Laster und das Laster zur Tugend wird

Vertrauen ist die Grundlage jeder Freundschaft und Beziehung. Es ermöglicht uns, uns anderen gegenüber zu öffnen, ihnen ehrlich anzuvertrauen, was wir denken und was wir fühlen, es gibt uns die Sicherheit, dass sie für uns da sind und wir auf sie zählen können. Jemandem zu vertrauen heißt, das Gute in ihm zu sehen. Es bedeutet, eine emotionale Bindung aufzubauen, die letztlich uns selbst zu besseren Menschen werden lässt. Es würde also wohl niemand in Zweifel ziehen, dass Vertrauen eine unabdingliche Tugend ist. Oder etwa doch?

Tadel statt Mitgefühl

Es kommt vor, dass wir anderen von einer Situation berichten, in der wir verletzt wurden, und erstaunt feststellen, dass wir dafür keineswegs bedauert, sondern kritisiert werden. Dafür, dass wir es nicht haben kommen sehen, dafür, dass wir es scheinbar zugelassen haben. Nicht den, der Unrecht tut, trifft Schuld, sondern den, dem es widerfährt, so die Logik dahinter, die letztlich ein ganz neues Wertesystem impliziert.

Plötzlich gilt Vertrauen nicht mehr als Tugend. Stattdessen wird es als Vereinigung gleich mehrerer Laster umgedeutet, zu denen allen voran eine naive Blindheit gehört. Vertrauen gilt als Gegenteil von Vorsicht, einem vorausschauenden und vernünftigen Handeln gemäß einer realistischen Einschätzung der Welt, ein Tugendkatalog, den man sich sofort aneignen würde, wenn die positiven Eigenschaften nicht das neue Gewand des Misstrauens wären, das in Wahrheit von uns gefordert und dementsprechend aufgewertet wird.

Dieses Phänomen der Werteumkehrung ist kein Einzelfall. So wird auch der Geduld Negatives angehängt, indem sie als Synonym für ein passives Warten, für ein Ohnmachtsgefühl, die keine Alternative mehr zulässt, betrachtet wird. Begeisterungsfähigkeit gilt als irrationale, infantile Sentimentalität und Ehrlichkeit als plumpes, hemmungsloses Aufdiefüßetreten.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Der Grund, warum wir solche Haltungen einnehmen, ist Selbstschutz. Das Problem ist nämlich, dass wir an ein tugendhaftes Verhalten bestimmte Erwartungen und Ziele knüpfen, es sich in dieser Hinsicht aber nicht immer bezahlt macht. So kann Geduld auf einen idealen Zustand gerichtet sein, in den wir niemals gelangen werden, und Fleiß allein führt nicht immer zum Erfolg und zur Erfüllung im Job. Das Schicksal wie auch Mitmenschen mit schlechten Absichten können unsere Pläne durchkreuzen, auch wenn wir vorbildlich handeln.

Vor diesem Frust wollen wir uns bewahren. Es ist leichter und bequemer, unserem Schweinehund die Zügel zu überlassen. Und wenn unsere Moralvorstellungen flexibel bleiben, wenn wir uns einreden, dass das Üble gut ist, wenn wir damit Erfolg haben, und uns eingestehen, dass wir falsch gehandelt haben, wenn wir mit einer Niederlage konfrontiert sind, dann können wir stets unsere Vorstellung von einem gerechten Belohnungs- und Bestrafungssystem aufrechterhalten. Und daran liegt uns viel, an dem beruhigenden Glauben, dass jeder das bekommt, was er verdient, dass Menschen, die Gutes tun, immer auch Gutes widerfährt, und umgekehrt.

Darüber hinaus wollen wir uns die Welt erklären können, jede Wirkung auf ihre Ursache zurückverfolgen. Wenn wir der Überzeugung sind, dass der Missbrauch jeglichen Vertrauens vorprogrammiert ist, werden negative Reaktionen, die aus nicht wertgeschätztem Vertrauen resultieren, vorhersehbar und damit vermeidbar. Wer nicht vertraut und nicht liebt, behält die Kontrolle. So können wir uns selbst in Sicherheit wiegen und Ernüchterungen vorbeugen.

Außerdem bringt ein verkehrtes Wertesystem noch einen weiteren Vorteil mit sich: Wir müssen nicht länger ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir den Erwartungen, die andere oder wir selbst an uns richten, nicht gerecht werden.

Tugend ist kein Wagnis

Immer, wenn ich von einer negativen Erfahrung berichte und gefragt werde, ob ich meine Lektion daraus gelernt habe, antworte ich mit einem klaren „Nein“. Nicht, wenn die Lektion bedeutet, ein fragwürdiges Wertesystem zu verinnerlichen.

Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass Tugenden wie Vertrauen ein Risiko darstellen. Dass ein Mensch uns Böses will, hat mit unserem Vertrauen nichts zu tun. Er will uns nicht Böses, weil wir ihm vertraut haben. Er will uns Böses, obwohl wir ihm vertraut haben. Unser Vertrauen ist nie die Ursache dafür, dass wir schlecht behandelt werden, und wir sollten beides nicht in ein Kausalverhältnis zueinander setzen. Zudem ist Tugend eben gerade nur dann Tugend, wenn sie nicht zweckgerichtet ist und eine Belohnung in Aussicht stellt, sondern wenn sie um ihrer selbst willen angestrebt wird. Darüber hinaus ist, kein Vertrauen mehr zu haben keine Option, denn das würde der Resignation gleichkommen, dem Verzicht auf wahre Freundschaften und intakte Beziehungen. Wenn wir verhindern wollen, dass wir erneut verletzt werden, dürfen wir Vertrauen nicht verhindern, wir müssen im Gegenteil auf ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis zu anderen setzen.

Es braucht Zeit, Vertrauen aufzubauen, und wie weit wir überhaupt vertrauen können, hängt von persönlichen Grenzen ab, die es zweifelsohne gibt und die man nicht überschreiten kann und sollte. Aber innerhalb dieser Grenzen bleibt viel Raum für diese wahren Tugenden, auf die wir wieder mehr Wert legen sollten, und es wäre wünschenswert, dass sie in der Gesellschaft, der Schule und den Medien verstärkt vermittelt statt in Frage gestellt werden würden.